Die Falle in Goslar

11. Juni 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Was bisher geschah: Ein Archäologe hat uns auf das bisher unbekannte Manuskript des Rotger aufmerksam gemacht. Sachsen hat sich wieder einmal gegen den salischen Kaiser erhoben. Kaiser Heinrich verliert den Kampf in Sachsen und befindet sich auf der Flucht. Was aber geschieht in Halle? Wir sind inzwischen im Spätsommer des Jahres 1116 angekommen. Der Bürger Hazecho ist zusammen mit dem Vogt Hermann auf dem Weg zum Giebichenstein. In der Residenz des Erzbischofs angekommen, finden sie in der Burgkapelle den ermordeten Ernst von Severn. Es folgt im heutigen Teil eine Rückblende in das Jahr 1114, Weihnachten in Goslar:

III. Adalgot, Weihnachten 1114

Aus den Notizen des Rotger: Der Kaiser sah nicht mehr, wer Freund und Feind in Sachsen war und so verfolgte er alle mit seinen Dienern.

Immer schon fühlte ich mich als Mann Gottes und als Mann des Friedens, wenn ich auch einsah, das Krieg zu führen in unseren Zeiten eine Notwendigkeit war und auch bei gutem Willen nicht zu verhindern. Die von Gott gewollte Ordnung, mit allen seinen Heiligen und Engeln, sei der Herr mein Zeuge, stellte ich niemals in Frage. Die Lande der deutschen Stämme waren seit der Regierung von Kaiser Karl und Kaiser Otto berufen, von einem König und römischen Augustus regiert zu werden. Ich hatte keinesfalls vor, dies zu ändern. So stand ich stets an der Seite unseres jungen Kaisers Heinrich. Und er war es, der mich in das Bischofsamt berufen hatte, ich schwor ihm die Treue. Er nahm mich unter seine Vasallen auf. Dies alles dachte ich mir, als ich mit kleiner Bedeckung den Markt- und Königsort Goslar erreichte. Der Tag war von Sonne und milden Winden beherrscht worden, aber als sich die Dämmerung ankündigte, viel zu rasch, kam auch die Eiseskälte.

Nach Weihnachten wird der Winter kommen

… ich hatte alle Frauen, Kinder und sonstige Angehörigen als meine Geiseln in der Hand.

„Nach Weihnachten wird der Winter über uns kommen“, hörte ich Imradus sagen, „Schon jetzt haucht er uns an. Es werden bittere Tage kommen.“ Meistens hatte er damit recht, auch wenn er ein junger Mann war. Er galt als Mitglied der Wettiner Familie. Er hatte sich in seinen Wollmantel gehüllt, den Bogen über der Schulter. Letzteres war angeblich ein ungarisches Erbstück und Imradus soll um einige Ecken auch mit dem Königen von Ungarn verwandt sein. Es war interessant, welche Stammbäume die Landgutbesitzer hervorkramten, um ihre Wichtigkeit zu unterstreichen und ihre Anwesenheit an Fürstenhöfen zu rechtfertigen! Bei aller Unglaubwürdigkeit war er dennoch ein Freier und kein Diener, folgte mir als enger Vasall. Womöglich war er das Auge und Ohr der Wettiner an meinen Hof. Aber da ich die Bogenschützenkunst des Mannes kannte, war ich seiner Anwesenheit nicht leid. Hinter ihm folgten zwei Diener, einer davon war mein Schreiber Wicmann. Voran ritt mein erfahrener Ministeriale Heinrich von Giebichenstein, älter als ich, obwohl auch ich schon das 4. Lebensjahrzehnt vollendet hatte. Dies war also unsere kleine Schar. Unser Reiseweg ging trotz des Aufstandes der sächsischen Fürsten von Magdeburg nach Goslar, um das Weihnachtsfest am Kaiserlichen Hof in der Pfalz Goslar zu verbringen, ungeachtet des Winters und des beschwerlichen Weges am nördlichen Harzrand. Sicherlich würde mich der Kaiser bereits in der morgendlichen Frühe begrüßen. Ich hatte beschlossen, ihm auf dem Hoftag zu Frieden und Einigung zu raten. Aber ich war mir nicht sicher, ob er auf mich hören würde. All zu sehr standen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber. Bereits vor zwei Jahren waren die Aufständischen unter Bischof Reinhard von Graf Hoier von Mansfeld bei seinem feigen Überfall von Wernstedt geschlagen worden und Pfalzgraf Siegfried war an seinen in der Schlacht erlittenen Wunden gestorben. Welche Konsequenzen diese unsägliche Rebellion besonders für die Familie meiner Mutter Gisela hatte, daran mochte ich gar nicht denken: Mein Onkel Wiprecht von Groitzsch war in die Gefangenschaft des Kaisers geraten und die Familie hatte ihre Burg übergeben müssen, um das Leben des Familienoberhauptes zu schonen. Währenddessen war Bischof Reinhard in seine zerstörte Stadt Halberstadt zurückgekehrt und hatte Rache geschworen. Alle meine Anstrengungen und Bitten um Gnade für Wiprecht hatten sich beim Kaiser als sinnlos erwiesen. Inzwischen würde eine Freilassung des Groitzschers den aktuellen Aufstand nur beschleunigen. Aber er wäre als Faustpfand wichtig, zumal ich auch den Rest der Groitzscher in meiner Lohburg sicher wusste, nachdem sie durch den Wintereinbruch das Versteck im Schkeuditzer Wald hatten verlassen müssen. Nur der jüngere Wiprecht und sein Bruder Heinrich waren mir entkommen, hatten sofort wieder zu den Waffen gegriffen und sich Lothar, Reinhard und den anderen angeschlossen. Aber ich hatte alle Frauen, Kinder und sonstige Angehörigen als meine Geiseln in der Hand. Natürlich würde ich ihnen nichts tun und behandelte sie gut. Hermann von Sponheim war bei ihnen, meinem Burggrafen und Vogt konnte niemand viel Übles nachsagen, aber ich hatte vor, die rebellischen Groitzscher damit an den Verhandlungstisch zu zwingen, wenn der Kaiser damit einverstanden war.

Wir hatten in einem uns gehörigen Dorf übernachtet und in der frühen Mittagsstunde in der Pfalz Werla, die vom Kaiser sehr vernachlässigt wurde, gerastet. Wir wussten, es würde schon dunkel sein, wenn wir in Goslar ankommen würden. So war es auch. Dennoch waren wir schneller vorwärts gekommen, als normalerweise üblich. Die Kälte hatte unsere Pferde und uns eilen lassen, die einen lockte Futter und Stall, die anderen Suppe und Feuerstelle. Das war also Goslar! Verschwommen lagen die kleinen Häuser und Hütten des Marktortes vor uns. Einige große Steingebäude waren am Hang kaum zu ahnen. Dort lag das Königshaus mit Marienkapelle, etwas verdeckt vom Stift Sankt Simon und Judas und der gewaltigen Stiftskirche. Rund herum auf den Hügeln flankierten weitere imposante Gotteshäuser den Königsort, wie ich von vorherigen Besuchen wusste. Aber mir all die Stiftungen, Klöster und Bauten ins Gedächtnis zurück zu rufen, hatte ich keine Gelegenheit mehr, denn wir waren auf dem zum Glück gut passierbaren Weg bis zur Stadtgrenze des Ortes gekommen. Goslar war nicht besser geschützt als durch einen Wall und Zaun. Das wussten auch die Aufständischen. An einem Tor oder Durchlass vor uns brannte bereits ein Wachfeuer. Mehrere Männer waren dort zu sehen. Auch Bewaffnete! Heinrich rief den kaiserlichen Knechten zu: „Der Erzbischof von Magdeburg bittet um Einlass!“

Das schaffte in sonstigen Fällen sofort Platz und wir wären ohne langen Verzug bis zum Königshaus geritten. Nicht heute Abend!

„Ich kenne den Herrn von Magdeburg, Adelgot. Aber du bist es nicht.“

Bei der Stimme war ich mir nicht sicher, doch Imradus flüsterte mir zu: „Heinrich Haupt, von dem werden viele Geschichten erzählt, was nichts Gutes zu bedeuten hat, einer der Getreuen des Kaisers!“

Ich kannte Heinrich Haupt. Deswegen ritt ich nach vorne.

„Ich bin Adelgot, Erzbischof von Magdeburg.“

„Oh, tatsächlich, du bist es!“, sagte der sehr große Mann im Goslarer Tor stehend, machte aber keinerlei Anstalten, uns den Weg frei zu machen. Am Wall und am Zaun standen ein halbes Dutzend Speermänner, vielleicht waren es auch mehr. Ein Knecht hielt das Pferd von Heinrich Haupt. Ich konnte ihn nicht erkennen. Er hatte sich zum Schutz vor der Kälte den Mantel bis über den Kopf geschlungen. Außerdem stand er im Dunkeln.

„Wir haben auf Dich gewartet“, fuhr Heinrich Haupt fort, „Der Kaiser hat befohlen, dass ich dich und deinen Schreiber ins Stift begleite. Dein Gefolge muss in einer Hütte hier im Ort unterkommen. Die Leute sind schon informiert. Ernst von Severn wird sie hinbringen.“

Ich kannte den Ministerialen Ernst von Severn, den Südländer. Er hatte einst die königliche Delegation, zu der ich gehörte, als Wache zur Synode nach Guastalla begleitet. Das er hier in Goslar war, hieß, dass er immer noch in der engsten Umgebung des Kaisers diente. Es konnte etwas Großes aus ihm werden, aus ihm oder aus einen anderen Emporkömmling, wenn er nicht durch das Schwert umkam. Ernst hatte sogar einst beim Abt des Klosters Montearagón lesen und schreiben gelernt. Dann war er nach Italien gezogen und in die Dienste des Kaisers eingetreten. In Guastalla und auf dem Rückweg in die deutschen Länder hatten wir angeregte Gespräche miteinander geführt. Ich erinnere mich sogar, dass wir Freundschaft und Beistand miteinander geschlossen hatten. Es war mir später sauer aufgestoßen, denn der einzige Bevorteilte aus diesem Bund würde wohl der Diener sein und nicht der Erzbischof, zu dem ich wurde. Ich irrte!

Denn gerade, als ich Heinrich Haupt meine Zustimmung geben wollte, saß der Mann im Schatten einfach auf und stieß im Anritt den Heinrich Haupt fast in das Feuer hinein. Dabei rief er aus: „Adalgot, es ist eine Falle! Eine Falle, hörst du! Der Kaiser will dich gefangen nehmen!“

Paula Poppinga

Fortsetzung folgt nächsten Sonntag.

Was bisher geschah:

Das Schachbrett Kaiser Heinrichs war umgeworfen
Tatort im HalleSpektrum: Die Verdammten vom Welfesholz
Der Giebichenstein, der Giebichenstein, wer einmal dorthin geht, kehrt selten heim.
Mord und Totschlag auf der Burg!

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