Der Krieg ist über uns gekommen

2. Juli 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Eines der beiden Biforienfenster Rannische Str. 3 aus der Zeit Erzbischofs Adalgot

Was bisher geschah: Ein Archäologe hat uns auf das bisher unbekannte Manuskript des Rotger aufmerksam gemacht. Sachsen hat sich wieder einmal gegen den salischen Kaiser erhoben, aber der Kaiser verliert dieses Mal. Es gibt zwei Handlungsebenen: Im Spätsommer 1116 wird der Freund des Erzbischofs, Ernst von Severn, ermordet. In der Rückblende Weihnachten 1114 flieht der Erzbischof mit Hilfe seines Freundes vor dem Kaiser. Ernst von Severn war hin- und hergerissen zwischen seiner Freundschaft zu Adalgot und seiner Treue zum Kaiser. Wir beginnen das 5. Kapitel. Es erzählt Ernst von Severn:

V. Ernst, Weihnachten 1114

Aus den Notizen des Rotger: Hört zu, hört zu, riefen die Boten des Erzbischof, der Krieg ist über uns gekommen und wir müssen uns wehren. Die Männer griffen zu den Waffen.

„Der Kaiser hat uns verraten“, stieß Adalgot aus, während uns Heinrich von Giebichenstein auf der Straße vorwärts trieb. Er hatte am Schnellsten die Situation erfasst und die Führung übernommen, um seinen Herrn und dessen Gefolge aus der Gefahrenzone zu geleiten. Der Freund hatte es recht begriffen: Der Kaiser verriet Adalgot und ich konnte nicht anders handeln. Doch war ich dadurch auch ein Aufrührer und Verräter, denn ich hatte die Belange der Amistad, der Freundschaft, über die Loyalität zu meinem Herrn gestellt. Zu Beginn war es nur die Sorge gewesen, der mit der Gefangennahme beauftragte Heinrich Haupt würde meinem Freund Adalgot irgendein Leid antun. Da ich nur zu genau wusste, wie mein Herr seine Gefangenen behandelte, egal welcher Familie sie entstammten oder welches Amt sie innehatten, da wurde mir klamm um das Herz. Der Kaiser hatte mich mit Absicht nicht an dieser Tat beteiligt, da er nicht wusste, wie eng das Band zwischen dem Erzbischof und seinem Ministerialen war. Immerhin wusste er es und achtete es nicht genug. Jetzt war ihm gewiss klar, dass er es mehr hätte berücksichtigen müssen. Er hätte mich nicht in Goslar lassen dürfen. Der weise Herr führt seine Diener nicht in Versuchung! Aber das der Kaiser die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen hatte, war unter seinen Dienern eine täglich angestimmte Litanei. Nur Heinrich Haupt merkte es gewiss nicht. Hauptsache, er durfte mit dem Schwert dreinschlagen! Wäre der Salier nämlich klüger gewesen, hätte er heute Nacht nicht versucht, etwas gegen den Magdeburger zu unternehmen, der ihm im ansonsten verräterischen Sachsen die Ruhe bewahrt hatte. Statt gefangen zu nehmen, hätte er ihn eng auf seine Seite ziehen müssen. So entfloh der Erzbischof nun. Aber wehe uns allen, wenn die Verfolger aus Goslar uns erwischten!

Aber was wäre denn, wenn er den Erzbischof gefangen weggeführt hätte? Wären denn nicht Hermann von Sponheim und alle Vasallen des Erzbistums vor Zorn auf die Seite Lothars gegangen? So oder so also eine unnütze und unkluge Tat! Und für mich nur eine Entscheidung zwischen Verrat an meinem Freund oder an meinem Herrn! Ich werde also sicher für eine schwere Sünde bestraft! Womöglich wird mir hoch angerechnet, das ich einen so heiligen Mann wie Adalgot gerettet habe, und weil ich wusste, dass seine Gefangennahme ein Unrecht sein würde. Aber bei der göttlichen Gerechtigkeit konnte man sich auf nichts verlassen!

„Durch den Schnee ist der Weg kaum zu erkennen. Auch werden die Pferde nicht mehr bis zur Ilsenburg durchhalten“, wandte sich Heinrich von Giebichenstein an Adalgot.

Das Kloster Drübeck

Im Kloster Drübeck

„Gibt es kein Dorf hier, das uns aufnehmen kann?“, fragte mein Freund. Wir hatten keins gesehen, zudem war uns Heinrich Haupt noch dicht auf dem Fersen. Oder hatte die List des Giebichensteiners Erfolg gehabt, da wir uns auf unserer Flucht nicht nach Magdeburg wandten? Ich weiß es nicht. Vermutlich hatten wir Glück gehabt oder Gott war mit uns. Irgendwann kam der von Vogt Heinrich erwähnte Schnee und die halbe Nacht führten wir die Pferde. Eine Zeitlang nahm Adalgot mein, also Heinrich Haupts frisches Pferd, aber er merkte recht bald, dass eigene Bewegung wärmer hielt. Zwischendurch konnten wir uns in einem Dorf am Herdfeuer wärmen. Da wir dort hörten, dass Bewaffnete in Richtung Ilsenburg gezogen waren und wir nicht wussten, ob es Herzog Lothars oder Kaiser Heinrichs Männer waren, wandten wir uns nach Drübeck, dem Nonnenkloster dort. Wir wurden freundlich aufgenommen, im Gästehaus untergebracht und dem Erzbischof wurde große Ehre angetan. Aber bevor wir uns zur Ruhe betten konnten, erschienen die Bewaffneten vor den Toren des Klosters. Heinrich hatte uns bereits zusammengerufen, noch bevor die Wache an der Pforte Entwarnung geben konnte. So waren wir bereits wieder in Kleidung, Rüstung und Waffen, als der Ruf kam: „Es sind die Groitzscher!“

Sie hätten auch Mörder und Räuber rufen können, denn diesen Ruf hatte die Familie bereits einige Zeit. Und am Hof des Kaisers war es ein verhasster Name, aber hier löste das Erscheinen der Raufbolde Erleichterung aus. Es waren fast ein Dutzend Berittene, also genug Verstärkung, um gegen ein mögliches Suchkommando von Heinrich Haupt gewappnet zu sein. Sie hatten Seitpferde dabei und waren kriegsfertig gerüstet. Kurz und gut: Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet. Der Anführer saß ab, nahm den Helm ab und umarmte Adalgot. Es war Heinrich von Groitzsch, einer der Söhne des gefangenen und geächteten Wiprecht von Groitzsch. Dessen Schwester Gisela aber war Adalgots Mutter.

Salische Soldaten

„Es sind die Groitzscher!“

Heinrich erzählte uns den Grund seiner Anwesenheit: „Wir hörten schlimme Nachrichten von der Gefangennahme des Erzbischofs und so befahl uns der Herzog so weit wie möglich vorzudringen, egal ob es Nacht oder Tag sei, und zu hören, ob die Gerüchte wahr wären und ob noch etwas Schlimmes zu verhindern sei.“

„Welche Gerüchte?“, erkundigte sich Adalgot müde. „Deine Gefangennahme, Herr, und das Gerhard von Merseburg Giebichenstein und Halle beansprucht.“, wurde geantwortet.

„Und warum nicht gleich das ganze Erzbistum!“, lachte Adalgot bitter auf, „Um Gerhard kümmern wir uns später. Wir brauchen Ruhe, haben eine schlimme Zeit hinter uns. Mich verwundert nur, dass es schon Herzog Lothar bekannt war. Wir dagegen zogen arglos nach Goslar.“

„Meine Aufgabe war es, Euch rechtzeitig zu warnen. Doch befürchteten wir, zu spät zu kommen.“, bekannte Heinrich von Groitzsch. „Das seid ihr!“, schnaubte Heinrich von Giebichenstein und schob mich nach vorne. „Diesem Mann hier“, erklärte Adalgot dem Groitzscher, „Verdanken wir alle unsere Freiheit, wenn nicht unser Leben. Sein Name ist Ernst von Severn. Er ist unser Freund.“

„Und auch der meine“, sagte Heinrich, Sohn Wiprechts, er meinte es ernst. „Und jetzt alle abgesessen und ans Feuer“, befahl der Klostervogt, „Dies sage ich im Auftrag der Abtissin, die sich sorgt. Herr Adalgot war lange genug draußen!“ Der gute Mann hatte recht. Pferde und Männer mussten sich ausruhen, aber es war auch keine Zeit zu verlieren. Ich wusste, wie viele Opfer Kaiser Heinrichs Zorn kosten konnte. Wir würden bald hören, welche Zerstörungen er angerichtet hatte. Doch konnte ich in dieser Nacht nichts weiter tun, als mich in meinen Mantel zu wickeln und hinter den Klostermauern versuchen zu schlafen. Es gab kein Zurück für mich.

Fortsetzung folgt.

Paula Poppinga

Was bisher geschah:

Das Schachbrett Kaiser Heinrichs war umgeworfen
Tatort im HalleSpektrum: Die Verdammten vom Welfesholz
Der Giebichenstein, der Giebichenstein, wer einmal dorthin geht, kehrt selten heim.
Mord und Totschlag auf der Burg!
Die Falle in Goslar
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