Der Giebichenstein, der Giebichenstein, wer einmal dorthin geht, kehrt selten heim.

28. Mai 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Was bisher geschah: Ein Archäologe hat uns auf das bisher unbekannte Manuskript des Rotger aufmerksam gemacht. Sachsen hat sich wieder einmal gegen den salischen Kaiser, der eine neue Steuer eingeführt hat, erhoben. Kaiser Heinrich geht vor wie immer, aber verliert einen wichtigen Verbündeten: Erzbischof Adalgot. Es geht alles schief. Kaiser Heinrich verliert den Kampf in Sachsen und befindet sich auf der Flucht. Was aber geschieht in Halle? Wir sind inzwischen im Spätsommer des Jahres 1116 angekommen. Der Bürger Hazecho ist auf dem Weg zum Giebichenstein. Es beginnt das Kapitel II.:

Eines der beiden Biforienfenster Rannische Str. 3 aus der Zeit Erzbischofs Adalgot

Aus den Notizen des Rotger: Großes Leid erlitt der Erzbischof Adalgot beim Besuch seiner Festung in Giebichenstein, Trauer und Schmerz umwölkten bis zu seinem eigenen Ende viele seiner Gedanken.

Dem Vogt Hermann von Sponheim schien jeder Dünkel seines Standes fern zu liegen. Er wartete im Tor, hielt mit der einen Hand sein Pferd ruhig. Die andere Hand hielt meine Tochter Gunda auf dem Pferd fest. Die beiden lachten und er erzählte ihr eine Geschichte. Die Straße draußen war staubig und die Sonne flimmerte. Es war ein wundervoller Spätsommertag. Ich ließ den Herrn Hermann nicht lange warten. Hatmunda, mein gutes Weib, richtete mir schnell meine Kleidung und gürtete mich mit dem Schwert, das ich als Hauptmann der Hallischen Salzkaufleute tragen durfte. Ich ließ mir von unserem Knecht den Zügel meines Pferdes reichen. Es war kein weiter Ritt hinüber in die Residenz nach Giebichenstein.
„So, Gunda“, sagte der alte Vogt, „Du musst nun absteigen. Dein Vater und ich müssen zum Giebichenstein…“
„Der Giebichenstein, der Giebichenstein, wer einmal dorthin geht, kehrt selten heim…“, sang Gunda, während sie herunter gehoben wurde. Wir stiegen vor dem Haus auf unsere Pferde.
„Der Giebichenstein, der Giebichenstein…“
„Versprochen, wir kehren heim“, rief ich Gunda zu.
„Onkel Herrmann nicht“, rief sie zurück, „Der wohnt doch auf dem Giebichenstein beim Erzbischof.“
„Nein, heute nicht, meine Liebe“, beugte sich der Vogt zu Gunda herunter, „Ich habe auch ein Haus in Halle.“
„Stimmt“, lachte sie, „Du hast recht: Das Vogthaus. Ich kenne das.“
„Ein schlaues und aufgewecktes Kind“, sagte Hermann von Sponheim zu mir, während wir nebeneinander herritten. Es war selbstverständlich, das alle anderen auf der Straße dem Vogt und dem Herrn Hauptmann den Weg freimachten.
„Das einzige, was Gott uns bislang schenkte, Herr“, erwiderte ich betrübt, „Leider ein Mädchen.“
„Und doch schenkte er dir eins und so ein hübsches! Von Dir hat sie es nicht.“
Wir lachten.
„Mir schenkte der Herr auch nur ein einziges Kind, die Richardis, die mit dem Stader verheiratet ist.“
„Der Herr Rudolf?! Ja, den kenne ich gewiss, zumindest aus der Ferne, denn er stritt mit uns auf dem Welfesholz.“, antwortete ich.
„Aber du bist noch jung! Als ich in deinem Alter war und die Richardis noch ein kleines Kind, kein weiteres kommen wollte, kein Sohn, kein Nachfolger, da ging ich zum Magdeburger Juden(2 )und fragte ihn.“, erzählte Herr Hermann.
„Was sagte er?“
„Er fand mich gesund und dies wäre auch sein Eindruck von meinem Weib, die er aus der Ferne begutachtete. Er meinte, es könne an der vielen Reiterei liegen und wie oft ich unterwegs sei. Weißt du, was der Kerl noch sagte: Ich solle weniger auf dem Pferd, mehr auf der Frau reiten. Ich wollte ihn für die Frechheit totschlagen!“
Wir lachten ausgiebig.
„Am Ende gab ich ihm doch einen Pfennig für seinen Rat.“

Reste des Wohnturms aus der Zeit Adalgots befinden sich etwas versteckt im Haus Rannische Straße Nr. 3

Der Weg nach Giebichenstein

Wir hatten den Markt(3), an dem mein Hof lag, hinter uns gelassen, waren durch das Tor der ebenso befestigten Getraudenkirche geritten und kamen über eine weite Wiese, die sich geschützt von der Stadt und zwei anliegenden Türmen von Herrnhöfen zu einem weiteren Markt, vornehmlich von großen Vieh und Pferden, entwickelt hatte. Dies war aber der Stadt und dem Erzbischof, vertreten durch seinen Vogt, schon lange ein Dorn im Auge. Hermann hatte mir unlängst beim Bier erzählt, dass eine Erweiterung der Stadt diesen „neuen Markt“(4) mit einschließen würde.

„Dies Werk bleibt aber meinem Nachfolger überlassen!“, so schloss Hermann. Im Moment stritten sich Vogt, die Besitzer der Herrenhöfe, der Pfarrherr der Getraudenkirche und die Salzwirker und Salzherren darum, wem dieser Markt gehören sollte, das heißt wer die Händler und Bauern abkassieren durfte. Zwar war der Stadt Halle das Marktrecht eingeräumt worden, aber das betraf nur den Markt innerhalb der Stadt. Die Situation konnte nur der ändern, der die Stadt zu vergrößern vermochte.
Heute, an diesem warmen Septembertag, war die Wiese zwar niedergetreten, aber niemand hatte etwas zu verkaufen. Das würde sich bald wieder ändern. Die Straße ging als staubiger Weg direkt über die Wiese und stieß auf den Bohlenweg, der über den Sumpf führte. Vor einer Erweiterung der Stadt müsste dieser Schlamm trockengelegt werden. Wir waren auf der Straße nach Giebichenstein. Es gehörte zu den Aufgaben des Vogtes, dass die Unfreien des Erzbistums in den Dörfern an der Saale auch den Bohlenweg in Ordnung hielten. Hermann ritt hier oft entlang. Da er weder schnaubte, noch mürrisch schaute, nahm ich an, die Bohlen würden uns und unsere Pferde ohne Gefahr tragen. Diese Umsicht zeichnete einen Mann wie Hermann aus. Da er, wie gesagt, keinen Erben hatte, war es ungewiss, ob ein neuer Vogt seine Sache genauso gut machen würde. Neben dem Wendendorf auf dem Sandberg, gab es eine Salzsiedersiedlung nördlich der Stadtgrenzen auf einem Hügel an der Saale. Wir konnten die Koten vom Bohlenweg aus sehen. Noch weiter nördlich waren einige Holzhäuser zu sehen. Dort lebten unfreie Wenden(5), aber auch zwei oder drei, das wusste ich nicht so genau, jüdische Familien, denen der Vorgänger unseres Erzbischof dort zu siedeln erlaubt hatte. Sie unterschieden sich aber vom Kleid und Schmuck nicht von den Wenden, hatten wohl bereits viele Jahre im Wendischen gelebt.

Wendische (slawische) Frau am Hochwebstuhl

Der Ort Ringleben

Wir sahen auch Ringleben. Diesen Leuten rund um die kleine Steinkirche auf dem Petersberg hatten der Erzbischof und sein Vogt nichts zu verbieten oder zu erlauben. Sie waren Freie, Nachkommen der ersten fränkischen Siedler hier an der Saale. Sie selber sagten von sich, ihr Land hätten sie vom Kaiser Karl, Karls Sohn, und um den Erzbischof, seinen Vogt Hermann oder den Burghauptmann Heinrich bräuchten sie sich nicht zu bekümmern. Deshalb seufzte der Herr von Sponheim nur, als er zum Petersberg und Ringleben aufblickte. Sie anerkannten nur Herzog Lothar als Richter an. Dies auch nur bei großen Verbrechen, kleine Dinge regelten die Ringslebener selbst. Der alte Herr Hartmut, Vater meiner Frau Hatmunda, war der Richter von Ringleben, meistens vertreten durch den Hauptmann, seinen Sohn Hartfried. Die Ringlebener hatten einen festen Zaun um Dorf und Hügel und gingen in Waffen wie Herren, nicht wie Bauern, die sie eigentlich waren. Es wäre nach der Überlieferung ihr gutes Recht, gaben sie vor. Da mein Schwiegervater dort Richter war, kannte ich den Ort genau. Er hatte mir Hatmunda auch nicht ganz mittellos gegeben. Auch Hartmut sah die Vereinigung der Orte um die Salzquellen als notwendig an, allerdings wünschte er sich andere Verhältnisse:

„Nicht unter den raffgierigen Erzbischöfen! Die Stadt muss frei sein. Marktrecht hat er schon hergegeben. Da müssen noch mehr Freiheiten her, wenn wir Ringlebener unser Einverständnis geben sollen, um nach Halle herein zu kommen.“
Noch standen das freie Ringleben und das abhängige Halle in Konkurrenz, aber der Reichtum des Salzes würde uns Ringleben bald abhängen lassen. Freie Dörfer hatten es heutzutage immer schwerer, nicht in Abhängigkeit von einem großen Herrn zu geraten. Die Zukunft lag bei einer freien Stadt, da hatte mein Schwiegervater recht, aber so weit war Halle noch nicht. Noch brauchten wir den Erzbischof. Der Vogt und Magdeburger Burghauptmann Hermann, so sehr ich ihn schätzte, war alt. Ich hatte das Gefühl, Herr Adalgot hatte seinen Freund Ernst von Severn als Nachfolger im Sinn. Der war ein „neuer Mann“, zwar Südländer, aber lange schon Söldner und Ministeriale(6) im Reich, mit ihm könnten neue Ideen kommen. Ich war zuversichtlich.

Salische Frau mit Kopfputz

Vom neuen Werk

„Dieser verdammte Kaiserkrieg!“, fluchte Herr Hermann, als wir weiter auf Giebichenstein zuritten. Den Weg nach Ringleben hatten wir hinter uns gelassen. Er erklärte sich: „Der Krieg hat verhindert, das wir mit den Ringlebenern einig sein könnten oder sie zwingen, wie auch immer. Ich weiß, du bist verwandt dort, aber es muss doch heraus. Sie haben dem Herrn Erzbischof einen Dienst erwiesen, wir sind ihnen gegenüber in einer schlechten Position.“
Der Dienst, wie es Heinrich nannte, bestand daraus, dass sich die Waffenträger aus Ringleben unter Führung meines Schwagers Hartfried dem rasch ausgehobenen Kontingent aus Halle, Giebichenstein und Vasallen des Bischofs aus der Umgebung angeschlossen hatten. Vormals kaisertreu, hatten sie auf dem Welfesholz gesiegt, anerkannten nur noch Herzog Lothar an, hatten aber dort zwei Männer verloren. Den bitteren Verlust ließen sie Vogt Hermann bei jeder Gelegenheit spüren und büßen.
Daran denken mussten wir, weil wir an einem weiteren Hügel vorbeigekommen waren. Dieser lag näher an der Saale als der Petersberg(7).
„Die neue Siedlung, unser Streitobjekt!“, hielt der Vogt sein Pferd an. Ich lächelte. Mein Streit mit Hermann und seinem Herrn, dem Erzbischof, um dieses Stück Land war jedenfalls vorbei. Wir hatten gemeinsam beschlossen, daraus eine Stiftung zu machen. Diese sollte heute besiegelt werden. Zwar war der gute Adalgot zwischenzeitlich wieder schwankend geworden, aber Ernst von Severn und Bischof Konrad von Salzburg, die sich vor dem Kaiser zu uns geflüchtet hatten, brachten ihn wieder zur Vernunft.
„Daraus soll nun also das neue Werk werden!“, fasste es Hermann zusammen, „Was machen wir mit den Wenden?“
„Müssen ins Tal ziehen oder am Besten Bauleute für das Neuwerk werden. Da brauchen wir bald viele Hände, die wir nicht von weit her beschaffen können.“
„Frauen und Kinder müssen aber auf jeden Fall weg, wenn die Brüder einziehen. Die können sich nicht damit belasten!“
Wohl wahr!

Salische Soldaten

Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag

Anm.: (2) Oft oblag den Juden in Früh- und Hochmittelalter Belange der Medizin. (3) Der heutige „Alte Markt“. (4) Der heutige Markt und Hauptplatz der Stadt Halle. (5) Wenden = alter Name für die slawischen Stämme, an der Saale waren dies Nachkommen unterworfener sorbischer Teilstämme. (6) Abhängiger Dienstmann von Adligen oder Bischöfen oder dem Reich, spätere Entwicklung zum Ministerialadel. (7) Petersberg in Halle, nicht der alte Lauterberg gemeint.

Paula Poppinga

Was bisher geschah:

Das Schachbrett Kaiser Heinrichs war umgeworfen

Tatort im HalleSpektrum: Die Verdammten vom Welfesholz

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