Das Verhör der Magd

16. Juli 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Burgküche

Was bisher geschah: Ein Archäologe hat uns auf das bisher unbekannte Manuskript des Rotger aufmerksam gemacht. Sachsen hat sich wieder einmal gegen den salischen Kaiser erhoben, aber der Kaiser verliert dieses Mal. Es gibt zwei Handlungsebenen: In der Rückblende Weihnachten 1114 flieht der Erzbischof mit Hilfe seines Freundes vor dem Kaiser. Ernst von Severn war hin- und hergerissen zwischen seiner Freundschaft zu Adalgot und seiner Treue zum Kaiser. Im Winter 1115 sammeln die Kaiserlichen und die Sachsen ihre Heere. Im Spätsommer 1116 wird der Freund des Erzbischofs, Ernst von Severn, ermordet. Die Magd Rada erzählt, was sie gesehen und gehört hat.

VI. Rada, Spätsommer 1116

Aus den Notizen des Rotger: Herr Ernst war ein Ritter, wie ihn sich die Kirche wünscht: Stark, glaubensfest und gebildet. Wäre er auch noch von angenehmen Äußeren gewesen, ich hätte mir vorgestellt, er wäre uns vom Himmel als Engelsstreiter gesandt worden. Wetter, Streit und Schicksal aber hatten tiefe Spuren bei ihm hinterlassen.

„Hoher Herr, eigentlich heiße ich Amalrada, aber die ganze Welt nennt mich nur Rada, vielleicht klingt ihnen Amalrada zu alt und herrschaftlich und das bin ich beides nicht“, habe ich zum Grafen und Vogt Hermann gesagt, „Ich habe doch gar nichts gesehen. Ich war da, weil ich den Herren Wein, Brot, kalten Braten und gerösteten Speck holen sollte. Es waren mit dem Herrn Hazecho und dir, hoher Herr, wichtiger Besuch angekündigt. Worum es ging? Herr, das weiß ich doch nicht! Herr Rotger hat mich aufgefordert, zu warten und mich zur Verfügung zu halten. Wer auf der Oberburg war? Fragst du da nicht besser den jeweiligen Torwächter, Herr? Wenn du es von mir wissen willst, kann ich natürlich überlegen: Im Saal des Turms waren der Herr Erzbischof Adalgot, der andere heilige Herr Konrad und der Herr Wicmann. Ich weiß das, weil ich mit dem Wasserkrug kurz bei ihnen war. Danach habe ich die Speisen auf dem Tisch im Küchenhaus zurechtgemacht und mit Tüchern vor den Fliegen geschützt. Mit dem Speck haben wir gewartet, bis der Besuch da war. Auch das Brot wollte der Koch erst dann rösten. So sagte er mir. Ja, es waren der Koch, sein Küchenjunge, die Ulrike und kein Mensch mehr da, das schwöre ich beim Herrn! Mit Ulrike, die frisches Brot brachte, kam kurz der Herr Heinrich hinauf und sprach mit Herrn Rotger. Nein, keinen von den beiden habe ich in der Nähe der Kapelle gesehen. Ich habe auch nicht den Herrn Ernst in die Kapelle gehen sehen. Auch sonst niemanden, Herr! Ja, ich bin ganz sicher. Nein, ich bin nicht dort gewesen. Natürlich nehmen wir alle an der Sonntagsmesse teil, Herr, wir sind doch keine wendischen Heiden! Aber jeden Tag habe ich nichts in der Kapelle zu suchen, die für das Gebet des Burgherren bestimmt ist, so sagte man mir. Ich bin ja zum Dienen hier, nicht zum Beten.

Eier und Speck für den Erzbischof

Vielleicht ist Herr Ernst schon in die Oberburg gegangen, bevor ich hochgestiegen bin. Ja, du hast recht, Herr, ich kann nichts behaupten, was ich nicht gesehen habe. Natürlich! Entschuldigung! Aber ich habe auch nicht die Zeit alles zu verfolgen, was auf der Burg geschieht.

Der Torwächter? Ja, ich bin mir sicher, dass er die ganze Zeit am Tor war. Am Morgen, als ich kam, war der alte Cuno da, aber der ist auf den Turm auf den Felsen gezogen und Rudwic hat den Posten übernommen. Ja, das ist der junge Krölwitzer. Nein, Herr, mir ist nicht aufgefallen, das es ein hübscher Bursche ist, ich habe da keine Zeit hinzuschauen. Ich weiß nicht, ob am anderen Ende der Burg noch ein Wächter war, ich denke aber eher nicht, die Pforte ist doch ständig verschlossen, oder? Wer noch im Haus des Herrn war, kann ich dir nicht sagen. Da musst du die Herren selber fragen. Wo die Mönche, Herr Berewigus und Herr Lambert, waren, weiß ich auch nicht. Der Ältere scharwenzelt sonst um die Herren Bischöfe herum, der Jüngere ist netter. Nein, ob er hübsch ist, wie soll ich das wissen, Herr? Ich schaue mir Mönche nicht an. Was denkst du, was ich den ganzen Tag mache? Wo die Mönche jetzt stecken? Verzeiht Herr, du fragst die Falsche.

Warum ich nicht gleich in die Kapelle rannte? Damit ich von den Herren Prügel bekomme, weil ich mich in ihre Angelegenheiten gemischt habe? Ich wartete auf einen Wink von Herrn Rotger, aber der war genauso erschrocken und gelähmt wie ich. Da hat der Herr Erzbischof begonnen zu brüllen. Alle Worte habe ich gehört, Herr, selbst in der Unterburg wird es verstanden worden sein. Natürlich wiederhole ich die Worte für dich: Der Herr Erzbischof Adalgot rief aus: „Dieser Tote hier war mein Freund, mir tief verbunden, ein Bund, vor Gott geschlossen und besiegelt. Kein Mann, selbst Bruder, war mir so viel wert wie dieser! Ungerecht und heimtückisch ist er ermordet worden!“

„Hermann von Sponheim“, wandte er sich nun an dich, „Mein Burggraf und Vogt meiner Länder, finde den Mörder meines Freundes. Der, der mir Freiheit und Leben erhielt, hatte es nicht verdient so zu sterben.“, so sprach der Herr Erzbischof und der andere Bischof zischte und keifte voller Hass dazu, es war draußen deutlich zu hören: „Der Kaiser war es. Der Kaiser hat Herrn Ernst ermorden lassen. Rache, das schreit doch nach Rache!“

Was sagt der Herr Christ dazu, dass sich Kaiser, Papst und Bischöfe so in die Haare geraten?

Herr Konrad hat wahrlich etwas gegen unseren Herrn Kaiser, oder? Wie soll denn der Herr Kaiser all dies tun können, da ihn Herr Adalgot hat exkommunizieren lassen und das in allen Kirchen verkündigen ließ? Gut, das ist die Sache der Herren. Aber was unser Herr Christ wohl dazu sagt, dass sich Kaiser, Papst und Bischöfe so in die Haare geraten? Das habe ich auch den Herrn Adalgot gefragt und er hat mir geantwortet: „Rada, Kind, du hast recht mit dieser Frage, denn tatsächlich wird Herr Christ darüber entsetzt sein, aber glaube mir, ich versuche Frieden in meinem Bistum zu halten, damit niemand leiden oder hungern muss. Aber das ist nicht einfach, wenn die Herren Fürsten nach Macht und Geltung heischen, weder Barmherzigkeit noch Güte kennen“.

Du glaubst es nicht, aber das hat Herr Adalgot wirklich gesagt! Ein guter Herr und Erzbischof ist er, meinst du nicht auch? Er beantwortet die Fragen der Leute und rät ihnen gut zu. Er steigt auch nicht den Mägden nach. Oder lässt dergleichen in seinen Häusern zu. Ein guter und sittsamer Herr ist er, der seinen Platz im Paradies schon sicher hat. Darüber hat der Herr Christ zu entscheiden, aber ich bin mir sicher, er denkst ähnlich wie ich.

Der Herr Ernst? Was meinst du, Herr, mit dem „Wie war der Herr Ernst“? Ich kannte den Herrn doch kaum. Ich brachte ihm und den anderen Herren Speis und Trank. Ich räumte auf und schrubbte den Tisch hinterher. Was so anfällt. Das weißt du alles oder kannst es dir denken. Herr Ernst hat Herrn Adalgot gerettet. Das wissen wir beide. Du besser als ich, Herr! Ob er mich anschaute? Warum sollte er das tun? Er war genauso sittsam wie Herr Adalgot. Ich wusste, er war Krieger. Die darf man nicht provozieren, wird gesagt. Ich ging deswegen immer sittsam, schnürte sorgsam die Brust, damit ihm meine Dinger nicht in die Suppe fallen, Herr. Aber Herr Ernst war auch nicht mehr jung. So alt wie Herr Adalgot, hörte ich, obwohl er einen kräftigen Eindruck machte. Das Alter schützt vor Geilheit nicht, da hast du recht. Aber so einer war Herr Ernst nicht. Wie ich schon sagte, er nahm mich kaum wahr. Etwas anderes war ihm viel wichtiger. Der Herr Adalgot hat einen Bücherschrank hier im Haus, sehr kostbar. Niemand vom Gesinde oder von den Vasallen darf da heran. Selbst Herr Wicmann oder Herr Rotger nur mit Erlaubnis! Oder Herr Konrad und seine Mönche, ausgeschlossen! Aber Herr Ernst hatte Zutritt. Er konnte lesen, Latein lesen, sehr seltsam, oder? Er war ein Krieger und konnte lesen! Vielleicht ist er im Kloster aufgewachsen oder im Süden ist vieles anders als bei uns. Ich weiß das nicht, woher denn?!

Aber eines fiel mir bei Herrn Ernst doch auf, das mag ich dir erzählen: Nach den Kämpfen gegen den Kaiser wirkte er müde, sehr müde. Einmal hörte ich etwas, Herr, das fällt mir jetzt wieder ein. Herr Ernst sagte zum Herrn Erzbischof am Abend: „Wenn du mich nicht mehr brauchst, würde ich mir von dir Pferde und Knecht wünschen. Ich könnte mich damit auf den Heimweg machen, denn ich sollte zu Hause sterben, wie jeder guter Mann. Zu lange bin ich schon fort. Für Frau und Kinder ist es ohnehin zu spät. Besitz ist nicht auf mich gekommen. Mit einem Empfehlungsschreiben eines Erzbischofs könnte ich in St. Sever Mönch werden und in aller Ruhe darauf warten, dass mich der Herr zu sich holt. Würdest du das für mich tun?“

Das war anscheinend sein sehnlichster Wunsch, Herr, aber Herr Adalgot lächelte nur dazu und sagte: „Aber Ernst, ich brauche dich wirklich noch. Zunächst hätte ich dich gern als Vogt des neuen Stifts eingesetzt, welches Herr Hazecho und ich gründen wollen. Und danach, wenn Herr Hermann nicht …“ Da ich den Raum mit Krug und Holzbrett verließ, kann ich dir nicht sagen, was die Herren weiter gesagt haben und wie sie sich geeinigt haben. Was meinst du, ob ich später noch gehört habe, ob Herr Adalgot den Herrn Ernst als Burggraf und Vogt des Erzbistums einsetzen wollte und ob er davon geredet hat, davon habe ich nichts vernommen. Ja, gewiss, wenn ich etwas sehe oder jemand sich mit der Tat brüstet, werde ich es dir gewiss erzählen. Danke, Herr, dass ich gehen darf.

Fortsetzung folgt.

Paula Poppinga

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