Besuch bei der Synagogengemeinde in Halle-Trotha

25. Februar 2017 | Kultur, Vereinsleben | Keine Kommentare

Eingeladen vom Gemeindevorsteher der reformjüdischen Synagogengemeinde, Herrn Karl Sommer, besuchten wir am 17. Februar 2017 als Vertreter des HalleSpektrums den Schabbat-Gottesdienst in den Gemeinderäumen in Halle-Trotha. Unsicher, ob wir am richtigen Ort sind, betraten wir das uns genannte Haus und folgten einem Gemeindemitglied, das im Hausflur die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung aufsetzte. Von außen deutete hier nichts auf die Existenz eines Gemeindezentrums hin.

An mehreren Tischen hatten sich ca. 50 Personen, Männer, Frauen und einige Kinder, zum Schabbat-Mahl versammelt. Wir wurden eingeladen, am Tisch Platz zu nehmen, Herr Sommer begrüßte uns und stellte uns als „liebe Freunde und christliche Brüder vor“. Für die Mehrzahl der Anwesenden wurden seine Worte ins Russische übersetzt, eine große Anzahl der insgesamt ca. 380 Gemeindemitglieder ist nach der Wende aus der ehemaligen Sowjetunion nach Halle gekommen. Nicht so Herr Sommer: der kleine, fast 80jährige Mann ist in Halle geboren, sein Großvater baute 1911 das Haus, in dem wir uns versammelt haben. Für sie alle ist die Gemeinde ein Stück kulturelle Identität und Heimat. „Ich würde gern in den Ruhestand gehen, aber was wird dann aus diesen Menschen“ sagte Herr Sommer zu uns.

Nach dem Gottesdienst, der aus uns vertrauten wie auch fremden Texten und Melodien bestand, verkündete Herr Sommer seinen Gemeindemitgliedern eine traurige Nachricht: aus finanziellen Gründen war dies der letzte Schabbat-Gottesdienst auf absehbare Zeit. Hintergrund dafür ist ein Schreiben vom Landesverband Jüdischer Gemeinden mit der Ankündigung, der Synagogengemeinde den ihr per Gerichtsurteil zustehenden Landeszuschuss nicht auszuzahlen, sondern mit „Gegenansprüchen“ zu verrechnen – „bis zur Entscheidung durch das Verwaltungsgericht“. Damit erreicht der schon jahrelang schwelende und vor verschiedenen Gerichten ausgetragene Zwist der beiden jüdischen Gemeinden einen neuen Höhepunkt.

Kommentar:

Es liegt uns fern, die Streitigkeiten der jüdischen Gemeinden, der orthodoxen und der reformjüdischen, zu beurteilen. Das kann nicht unser Anliegen sein. Aber wir haben eine lebendige Gemeinde kennengelernt, deren Existenz aufgrund dieser Differenzen bedroht ist. Unserer Auffassung nach ist es ein Schatz für Halle, wieder zwei jüdische Gemeinden zu haben. Der Landeszuschuss, der laut Staatsvertrag das Leben der Gemeinden ermöglichen soll, ist als existenzsichernde Maßnahme gedacht. Ohne diesen Zuschuss wird eine der Gemeinden verschwinden. Bei aller weltanschaulichen Neutralität sollte die Landesregierung ein Interesse daran haben, beiden Gemeinden das Überleben zu sichern. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn im Jahr des Reformationsjubiläums wieder ein Teil jüdischen Lebens aus Halle verschwindet. Neutralität kann nicht bedeuten, die verschiedenen Strömungen einer Religion sich selbst zu überlassen. Im Interesse unserer Demokratie und einer offenen und vielfältigen Gesellschaft ist es dringend notwendig, hier eine Lösung zu finden, die allen Seiten das Überleben sichert, beispielsweise durch Direktauszahlung des Landeszuschusses an die Gemeinde ohne den Umweg über den Verband. Und das möglichst schnell, die Zeit drängt.

Hintergrund:

Unter dem Titel „tres culturas“ (drei Kulturen) stellt Hallespektrum in Anlehnung an die „Stadt der drei Kulturen – Toledo“ die kulturellen Wurzeln Europas vor, bestehend aus Judentum, Christentum und Islam.

Weitere Beiträge der Reihe Tres Culturas:

  1. Was bedeutet Weihnachten für Christen, Muslime und Juden?

  2. „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

  3. 6. Januar: Dreikönigsfest

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