Auf der Flucht

18. Juni 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Was bisher geschah: Ein Archäologe hat uns auf das bisher unbekannte Manuskript des Rotger aufmerksam gemacht. Sachsen hat sich wieder einmal gegen den salischen Kaiser erhoben, aber der Kaiser verliert dieses Mal. Was aber geschieht in Halle? Wir sind inzwischen im Spätsommer des Jahres 1116 angekommen. Auf der Burg Giebichenstein finden der Bürger Hazecho und der Vogt Hermann den ermordeten Ernst von Severn. Rückblende ins Jahr 1114: Der Kaiser feiert Weihnachten in Goslar und Erzbischof Adalgot muss fliehen:

Ja, Herr, nun sind wir auch Aufständische!, Adalgot, Weihnachten 1114:

Es ging alles sehr schnell. Die Speermänner stürzten herbei, aber auch Heinrich von Giebichenstein drängte mich ab und stieß mit seiner Lanze in Richtung der Wachen. Ich hörte den ersten Pfeil von Imradus surren. Ernst von Servern, der mich gewarnt hatte, hatte schon längst sein Schwert gezogen.

„Fort!“, rief ich aus, „Alle fort! Wir machen uns davon!“ Ich ritt bereits die Straße ins Dunkle zurück, fort von Goslar, dem Königshaus. Ich hörte Heinrich Haupt rufen: „Magdeburger, Magdeburger, ich bekomme dich noch!“ So schnell nicht, dachte ich, als mich die anderen einholten. Nur Imradus blieb seelenruhig auf seinem Pferd mitten auf der Straße und schoss Pfeil auf Pfeil in die Reihen der Speermänner ab, bis er als letzter folgte und selbst dann noch aus dem Sattel nach hinten schoss. Und obwohl die Pferde müde waren, gelang es uns, davon zu kommen. Es war eine wilde Flucht, bis mein Heinrich von Giebichenstein die Gruppe zum Halten brachte und wir schauten, ob alle beisammen waren: „Davon abgesehen, dass wir einer mehr sind, haben wir den Schreiber Wicmann verloren, Herr!“ Ich nickte im Dunkeln.
„Wir sollten aber nicht warten.“, hörte ich von Ernst, während Imradus sich darüber ausließ, wie viele von den Kaiserlichen, die uns aufgelauert hatten, wohl den nächsten Morgen erleben würden.

„Ja, Herr, nun sind wir auch Aufständische!“, fuhr Heinrich fort, „Ich schlage vor, wir kehren nicht nach Magdeburg zurück, sondern reiten am Harzrand entlang in Richtung unserer festen Burg Giebichenstein. Dorthin mag uns der Kaiser nicht verfolgen, wenn ihm Reinhard und Lothar dabei in die Waden beißen.“ Wohl wahr! Aber niemand von uns, außer Ernst, hatte ein frisches Pferd. Es war Nacht und bereits bitterkalt. Der Kaiser hatte uns verraten! Das war das Allerschlimmste! Er hatte meine Treue mit den Füßen getreten und schlimmer noch: Er trachtete mir nach Leib und Leben! Ich wusste nur zu genau, wie arg er auch adlige und kirchliche Gefangene quälte und bedrängte.

IV. Hazecho, Spätsommer, 1116

Aus den Notizen des Rotger: Überall gedieh in teutschen Landen der Verrat, es war der Herr nicht sicher im eigenen Hause.

„Ernst, mein Freund und Bruder“, hörte ich Erzbischof Adalgot schluchzen, als ich wieder eintrat. Er saß im Blut auf den Stufen, hielt den Leichnam in seinen Armen, die Tränen rannen ihm von den Wangen: „Mein Freund, wer hat dir so etwas angetan?!“ Und warum?, fragte ich mich.

Da der Erzbischof bestürzt war und um Fassung rang, nahm Graf Hermann die Zügel in die Hand. Er rief den Koch heran, damit dieser etwas zum Aufbahren holen könne. Herrn Rotger hieß er den Erzbischof wegführen und ihm zur Beruhigung guten Wein einflößen. Wicmann sollte durch die Burg gehen, um zu schauen, wer noch vor Ort wäre.

„Dir vertraue ich am meisten, Hazecho“, wandte sich Hermann von Sponheim sofort an mich, „Schaue, ob der Torwächter das Tor verschlossen hat und schaue besonders, ob die Fluchtpforte verschlossen ist. Ja, zur Fluchtpforte gehe sofort! Das Tor sehe ich ja von hier. Wenn Wicmann wieder zurück ist, gehe ich mit einer Wache noch einmal alles ab. Es ist mir lieber, wenn ich selbst tun kann.“ Ich eilte sofort um den Wohnturm herum. Vor dem Küchenhaus standen ein Junge und die Magd Ulrike herum, die vor unserer Ankunft einen Korb mit Lebensmitteln gebracht hatte. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. „Herr, was ist geschehen?“, fragte Ulrike mich. „Der Herr Ernst“, antwortete ich wenig zartfühlend, „Er wurde abgestochen.“ Ich eilte weiter zur Pforte. Die Wächter hatten sofort ihre Pflicht getan und die Ausfall- und Fluchtpforte gut verschlossen. Ein Speermann rief mich von der Mauer herunter an: „Hier ist die Pforte bereits seit dem Morgen verschlossen. Und zwar von innen! Es wird wohl seine Ordnung haben. Wir stehen immer noch im Krieg und der Erzbischof will sicher keine Überraschung erleben.“ Der Krölwitzer Rudwic lehnte am Holzgeländer hinter den Zinnen und sah zu mir herunter.

„Ich habe auch das vordere Tor verschlossen, nachdem ihr so ein Geschrei gemacht habt.“

Burgküche

„Recht so“, antwortete ich, woraufhin der Mann mich natürlich fragte, was geschehen war. Ich kam nicht dazu, mich zu erklären, denn am Tor erhob sich Geschrei und Lärm. Ich stieg die Holztreppe zum Wehrgang hinauf und gemeinsam liefen wir zum Torhaus und sahen durch eine Schießscharte hinunter: Heinrich von Giebichenstein stand bewaffnet mit drei anderen Männern vor dem Tor der Oberburg und begehrte lautstark Einlass. Zuerst wandte er sich an Rudwic, aber als er mich erkannte, rief er hinauf: „Herr Hazecho, was ist geschehen? Warum hält Rudwic das Tor geschlossen? Was ist mit dem Herrn geschehen?“

„Der Herr Adalgot ist wohlauf“, beruhigte ich die Kriegsmänner, „Graf Hermann ordnete das geschlossene Tor an. Schreckliches ist geschehen. Wir fanden Herrn Ernst hingestreckt in der Kapelle. Herr Adalgot ist voller Trauer und Zorn.“

„Ihr denkt wohl, der Mörder ist noch auf der Burg? Das glaube ich nicht! Aber lasst uns trotzdem herein. Immerhin könnten wir helfen.“, rief Heinrich zu mir hinauf.

„Verzeiht Herr“, antwortete ich, „Doch das kann ich nicht tun. Wartet bitte draußen, bis Herr Hermann oder Herr Adalgot euch ruft. Mehr darf und kann ich dazu nicht sagen.“ Ich schärfte zudem Rudwic ein, sich nicht überreden zu lassen. Natürlich rief meine Antwort draußen massiven Unmut hervor, aber ich versprach am Ende, dem Sponheimer ihr Angebot vorzutragen.

So könnte die saalische Burg Giebichenstein ausgesehen haben. Stark hypothetisch. Standort: Alte Burg, Amtsgarten. Quelle: Bernhardt/Barz: Frühe Burgen in der Pfalz

Als ich in die Kapelle zurückkehrte, hatten die zwei Mönche, wo immer sie gesteckt hatten, der Koch, sein Knabe und die Mägde Ernst in der Kapelle aufgebahrt. Ulrike reinigte mit einem Holzeimer und alten Lappen die Steinstufen vor dem Altarraum. Meine Augen weilten für einen Augenblick auf ihrem ansehnlichen Hinterteil, doch nicht für lange, da rief uns Graf Hermann alle in den Saal des Bischofshauses. Die Fensterläden waren weit geöffnet, aber den schönen Blick auf Saaletal und Land mochte niemand genießen. In seinem Stuhl saß der Herr Adalgot, der hellgelbe verzierte Rheinländerbecher mit besten Wein war kaum angerührt.

„Alle Menschen, die auf der Oberburg waren, sind nun hier versammelt, Herr“, sprach Herrmann. Der Erzbischof schaute uns alle an, nickte, blieb aber stumm. Der Knabe neben mir begann zu zittern.

„Ich werde gleich Vogt Heinrich hinzubitten“, ich hatte dem Grafen vom Unmut Heinrich von Giebichensteins erzählt, „Und danach selbst einen persönlichen Rundgang durch alle Räume der Oberburg machen, wer aber von den Anwesenden hier die feige Tat an Herrn Ernst zugeben möchte, hat nun Zeit und Gelegenheit dies zu tun, Gott möge ihm vergeben!“

Graf Hermann schaute alle im Raum streng an.

Fortsetzung folgt.

Paula Poppinga

Was bisher geschah:

Das Schachbrett Kaiser Heinrichs war umgeworfen
Tatort im HalleSpektrum: Die Verdammten vom Welfesholz
Der Giebichenstein, der Giebichenstein, wer einmal dorthin geht, kehrt selten heim.
Mord und Totschlag auf der Burg!
Die Falle in Goslar

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