Weihnachten in der Flimmerkiste

19. Dezember 2012 | Glosse | 3 Kommentare

Zum Weihnachtsfest gehören nicht nur die Bescherung mit den Geschenken am Heiligabend und der obligatorische Gänsebraten mit Rotkraut und Klößen am 1. Feiertag … nein zu den Weihnachtsfeiertagen gehören auch die kuschligen Stunden vor dem Fernsehen. Und die TV-Sender haben sich natürlich wieder ein besonders besinnliches Festtagsprogramm ausgedacht und uns bleibt wieder die Wahl der Qual.

Früher war da alles irgendwie einfacher – zumindest, wenn man DDR-Bürger war. Da moderierten Margot Ebert und Heinz Quermann pünktlich um 11 Uhr am 1. Feiertag die beliebte Fernseh-Gala „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“. Mit stetigen Witzeleien und Sticheleien verkürzten die beiden den Vormittag, wo man noch die Reste der Geschenke-Orgie vom Vorabend beseitigte … bis Heinz Quermann schließlich den Startschuss zum Aufsetzen der Kartoffeln gab.

Im Abendprogramm ging es meist krimineller und witziger zu, denn dann schlug regelmäßig die legendäre Olsenbande zu. Egon, Benny und Kjeld, die drei sympathischen Ganoven, landeten in unserem Wohnzimmer wieder einen ihrer großen Coups – „Mächtig gewaltig!“ Falls Egon und seine beiden vertrottelten Freunde einmal Sendepause hatten, dann war es Häuptling Tokei-ihto (sprich Gojko Mitic), der an unserem buntgeschmückten Weihnachtsbaum gemartert wurde.

Dann kam die Wende … und plötzlich flimmerten „Ben Hur“ und andere Hollywood-Schinken über unseren Festtags-Bildschirm. Westernhelden, wie John Wayne oder Yul Brynner, trieben per Lasso ihr Unwesen auf unserem mit Lebkuchenherzen und Marzipankartoffeln gefüllten Weihnachtsteller. Oder wir hatten Gelegenheit auf den Herzensspuren der Schwarzwaldklinik zu wandeln. Auch Leinwandschinken wie „Vom Winde verweht“, „My fair lady“ oder „Titanic“ entwickelten sich zu wahren Festtags-Evergreens. Statt „Weihnachtsgans Auguste“ mussten wir mit „Terminator 2“ als Därme aufschlitzender Weihnachtsmann vorliebnehmen.

Und was erwartet uns dieses Jahr? Brandneue Filme wie „Kevin – Allein zu Haus“ oder „E.T. – Der Außerirdische“. Für Herz-Schmerz-Zuschauer gibt es Rosamunde Pilcher und mehrfach Romy Schneider als Sissi, während hartgesottene Weihnachtsmuffel bei „Rocky III & IV“ ihren Festtagsfrust loswerden können. Keine Angst, der Weihnachts-Klassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ fehlt nicht … ihn gibt es auf fast allen TV-Kanälen.

Mich wundert langsam, warum die Programmdirektoren noch nicht auf die Idee eines separaten Weihnachts-Senders gekommen sind? Vielleicht Super-Christmas-RTL, so mit stündlicher Berichterstattung vom Nürnberger Christkindlmarkt oder aus der Dresdner Stollenbäckerei. Wie’s im „Dschungelcamp“ zugeht, wissen wir längst, doch welches Familienchaos bei einem brennenden Weihnachtsbaum ausbricht, wäre doch der Quotenkracher. Eine Live-Übertragung der Bescherung bei Daniela Katzenberger, wenn sie gerade die geschenkten Dessous anprobiert, wäre allerdings das Nonplusultra. Das wäre echtes Reality-TV. O du fröhliche – holt mich vom Fernseher weg!
(Manfred Orlick)

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