Wann ist ein Berg ein Berg?

6. Januar 2013 | Glosse | 1 Kommentar

Eigentlich sollte die Topografie Mitteldeutschlands hinlänglich bekannt sein. Berg, Tal, Fluss, Stadt … alles sollte längst vermessen und kartographiert sein. Saale, Halle, Harz, Leipziger Tieflandbucht … alles Schulwissen seit Urur…großvaterzeiten – zumindest seit der Gaußschen Landesvermessung.

Die heutigen Gauß-Nachkommen fördern jedoch mit ihrer modernen, vollelektronischen Vermessungstechnik selbst im 21. Jahrhundert noch so manche Überraschung ans Tageslicht. Vor den Feiertagen verblüfften sie die Einwohner rund um Halle mit der Neuigkeit, dass der Petersberg mit seinen 250,4 Metern nicht mehr die höchste Erhebung des Saalekreises ist. Dabei war bisher in jedem Reiseführer nachzulesen, dass die Porphyrkuppe nördlich der Saalestadt auf ihrem Breitengrad der höchste Buckel zwischen Harz und Ural ist. Und in nördlicher Richtung trifft man erst wieder in Schweden auf höhere Berge. Dazwischen sind, so spottete der Volksmund, die Zuckerrüben in der Magdeburger Börde die höchsten Gipfel.

Nun ist Schluss mit diesem Spitzenplatz, denn die Geografen haben herausgefunden, dass westlich der Kreisstadt Merseburg gleich mehrere Erhebungen höher sind als der Petersberg, wobei der Kahle Berg mit 296,2 Metern die Nase vorn haben soll.

Der Saalekreis-Kenner wundert sich jedoch: Wo bitte gibt es da Berge? Schließlich erstreckt sich dort die Querfurter Platte, ein landwirtschaftlich genutztes Plateau, flach wie eine Tischplatte, vielleicht mit ein paar Bodenwellen, die man aber nicht einmal als Hügel bezeichnen könnte. Aber Berge? Oder sollten die zahlreichen Windkraftanlagen gemeint sein, die in den letzten Jahren auf den oft stürmischen Ackerflächen entstanden?

Da erhebt sich die Frage: Wann ist ein Berg überhaupt ein Berg? Normalerweise verbinden wir daran Vorstellungen von schroffen Felsen, Gipfelkreuz und bombastischer Fernsicht. Nein, bei „Berg“ denken wir wahrlich nicht an eine seichte Anhöhe, die sich in der Landschaft verliert.

Doch was helfen dem Petersberg nun seine jahrhundertelange Tradition, seine geschichtsträchtige Stiftskirche, sein fast 120 Meter hoher Telekom-Fernmeldeturm oder sein Bismarckturm? Die Höhenmessgeräte sind einfach unbarmherzig und haben ihn vom Podest gestürzt. Selbst wenn die neuen Spitzenreiter neben ihren Windrädern nur über Kartoffelstauden oder Maiskolben verfügen. Wir sollten die fast schon philosophische Frage „Wann ist ein Berg ein Berg?“ jedenfalls nicht nur Geografen, Geologen oder irgendwelchen Landvermessern überlassen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Herbert Grönemeyer bald einmal des Themas annimmt.

(Manfred Orlick)

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