Waldgeruch und Frühlingserwachen im Schwefelduft

20. März 2017 | Bild der Woche | 1 Kommentar

Auflösung: Die Palme der 11. Woche

(13.-19. März 2017)

Euphorbia leuconeura – das war die gesuchte Pflanze der letzten Woche

Ballochorie – das ist der Fachausdruck für die Schießwütigkeit bei der Vermehrung. Wenn der Samen katapultartig ausgeschleudert wird, kann man(n) sich ein Umfeld von mehreren Metern erschließen. Da landet manches Kügelchen der zu erratenden Euphorbia leuconeura – so hieß die zu ermittelnde Pflanze der letzten Woche –  im Topf anderer Zimmerpflanzen. Oder im Gesicht des nichtsahnenden, äußerst irritierten Zeitungslesers. Wenn man dann nachforscht und erfährt, dass Samengeschosse dieser sogenannten Austrocknungsstreuer (- die Frucht trocknet aus und öffnet sich dann explosionsartig) Geschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern erreichen können, denkt man in den gefährlichen Wochen über Schutzmaske und Helmpflicht am heimischen Fensterbrett nach. Oder darüber, von den inlinenden Kindern das biomechanische Protektorenset auszuborgen. Tritt man nämlich auf die dunklen, 2 bis 3 mm großen Samenkugeln, kann das richtig „rollig“ werden. Diese Warnung ist ernst gemeint!

Leuconeura: Diese Narben bleiben zurück, wenn die Pflanze die Blätter abgeworfen hat. Rechts ist eine der Scheinblüten zu sehen.

Abgesehen von den „Wurf-ins-Land“-Wochen mit nachfolgend abfallenden, krümelnden Fruchtkapsel-Resten ist unsere Spuckpalme (- auch „Beamtenwecker“ genannt) eine harmlose und unkomplizierte Augenweide. Es ist ein Mitglied der Wolfsmilchgewächse (Familie Euphorbiaceae), zu denen auch der beliebte Weihnachtsstern oder der stachelige Christusdorn gehören (Dornen oder Stacheln – was haben wir kürzlich gelernt?). Wenn Euphorbia (griechisch eúphorbos, ‚ wohlgenährt‘) leuconeura (‚helle Nerven‘) ihren keulenförmigen, meist fünfkantigen, verdickten Stamm ausgebildet hat, wachsen dort die Propeller-Blätter. Diese werden nach einiger Zeit wieder abgeworfen, auf dem Stamm zurück bleiben nierenförmige Narben. Zwischen den trotzdem immer noch ausreichend verbleibenden Laubblättern bildet sie mehrmals im Jahr becherförmige Scheinblüten aus. Sie sind grünlich, oben heraus ragen weiße Staubblätter. Drinnen reift die Frucht, der Fruchtstand wächst als klebrige Kapsel heraus und öffnet sich schließlich für die Wurfattacken. Der teilweise klebrige Rest fällt bald danach ab und hinterlässt am Stamm feine Kerben. Am Boden, im Umfeld des Übertopfes, ärgern uns Krümel und feineren Staub. Nach dieser Phase mündet die Pflanze-Mensch-Beziehung wieder in überwiegende Ignoranz (dreh‘ mich manchmal, gieß‘ mich manchmal, lass mich sonst in Ruhe) oder aber übergroße Freude ob ihrer schön ausgebildeten Blattkrone.

Auch in der häufig anzutreffenden Garten-Wolfsmilch, einem Unkraut oder Steingartengewächs, ist der Wirkstoff Ingenol enthalten, er wird in Salben gegen Hautkrankheiten eingesetzt. (Bild: Wikimedia commons)

Die nur in den Küstenregenwäldern Madagaskars heimische Euphorbia leuconeuraist im Handel als Madagaskar Juwel bekannt, aber selten zu kaufen. Beim größten Online-Kleinanzeigenmarkt Deutschlands sind aber immer wieder mal Exemplare dieser Sukkulente (lat. suculentus, ‚saftreich‘) im Angebot, falls jemand Interesse hat und niemanden kennt, der ihm Samen oder Jungpflänzchen weiterreichen kann.Ich sah Laborräume übersäht von kleinen Palmen, das sieht (trotz des fraglichen Umfelds) hübsch aus. Man muss nicht viel gießen bzw. erkennt den Durst sehr deutlich daran, dass die wie Propeller gespannten Blätter abgesenkt werden. Nach ein paar Tagen ist es Zeit, Wasser nachzufüllen. Bei meinen Hydrokulturexemplaren mache ich das manchmal versehentlich bis zum Erscheinen des Wasserspiegels – macht nichts, die Pflanze gedeiht prächtig. Eine wirklich unkomplizierte Büropflanze.

Wenn da nicht die Giftigkeit des Milchsaftes wäre. Falls man ein reifes Blatt zu stark anstößt und vom Stamm löst, tritt diese Wolfsmilch aus der zurückbleibenden Narbe aus. Im Internet kursieren Beschreibungen heftiger allergischer und sehr schmerzhafter Reaktionen, es wird grundsätzlich davor gewarnt, die Spuckpalme ohne Handschuhe oder mit Kindern zu kontaktieren. Bei Unfällen sollen Arztbesuche, bei Kindern ein Notruf eingeplant werden. Das klingt erschreckend. Ich habe auch nach jahrzehntelanger Wohngemeinschaft demzufolge wohl nie einen Milchkontakt erlebt, wobei ich den Palmen auch keinen Formschnitt verpasst habe. Milchaustritte kamen aber immer wieder mal vor.

Ursache der heftigen Wirkungen sind Triterpensaponine mit spezieller Oberflächenwirkung, z.B. Schaumbildung, und Abwehrwirkung gegen Fraßschädlinge, z.B. mittels Hämolyse. Die hier speziell anzutreffenden Saponine namens Ingenolkönnen ein Suizidprogramm einzelner biologischer Zellen auslösen. Daher werden Stoffe dieser Wirkungsklasse auch als Antikrebsmittel untersucht.

 (A.S.)

Die nächste Wochenpflanze wartet auf Eure Lösung. Der Bär ist los !

Die Blüte links oben und rechts am Rand unten scheinen zu einer Pflanze zu gehören, die wir schon kennen. Die war giftig, das haben wir bereits gelernt. Was aber ist noch auf dem Bild?

Endlich geht es wieder zu unseren Pflanzen hnaus, in die freie Natur. Zimmerpflanzen sind was für den Winter. Nun schnuppern wir die laue, feuchte Frühlingsluft, die Vögel zirpen, und, Veronika, der Lenz ist da. Drum haben wir es uns und Euch mal einfach gemacht.  Wahrscheinlich werden jetzt einige gleich mit der Lösung herauskommen. Und dann ist das Thema erledigt. Nein, finden wir. Deshalb bitte auf unsere Fragen achten. Es geht nicht darum, allein die Pflanze zu bestimmen. Denn das kann nahezu jeder, besonders der, der die Bilder nur hinreichend gut betrachtet. Wer das nicht kann, und dazu auch noch sich die Nase nicht geputzt hat, könnte allerdings mit seinem Leben dafür bezahlen. Warum?

Man muss dabei gar nicht mal unbedingt hinaus in die Natur, um unserer Pflanze zu begegnen. Ein Besuch bei „Edeka“ um die Ecke, oder in die Baumärkte der Stadt mit ihren Pflanzenabteilungen und den überteuerten Kräutertöpfen. Unsere Pflanze ist nun in aller Munde, die ist richtig hip, und das schon seit Jahren.

Verrratet uns bitte, warum. Was macht Ihr damit? reitet Ihr mit auf dem „Hype“ ? Oder ist er schon aus für Euch? Wie geht Ihr so damit um?
Verratet Ihr uns Ecken, wo unsere Pflanze in Halle wächst? Oder bleibt das so geheim, wie die besten Pilzstellen?

(red)

Print Friendly, PDF & Email
Ein Kommentar

Kommentar schreiben