Tod am Feldrand

8. Mai 2017 | Bild der Woche | 4 Kommentare

Der Standort der Pflanze, die diese Woche gesucht wird.

Der Tod lauert am Feldrand. Da, wo ein schmaler grüner Streifen von Wildwuchs in das dichte Gebüsch übergeht. Ein lauschiges Fleckchen Erde, es gehört noch zum Stadtgebiet von Halle, jedenfalls teilweise; die Stadtgrenze läuft quer über den Acker; die Pflanzen im Vordergrund stehen schon im Saalekreis. Im Hintergrund des verwunschenen Wäldchens, in dem wir sicher als Kinder gerne gespielt hätten, lauert ein Jäger in seinem Hochstand. Die freie Ackerfläche liegt brach, seit Jahren schon hat kein Bauer hier etwas angebaut. Hin und wieder wird das Feld umgepflügt, wohl, damit der  Jägersmann ein freies Schussfeld hat, und nicht seine Flinte ins Korn werfen muß. Doch der grüne Flintenknecht ist nicht für die tödliche Gefahr zuständig, die hier am Feldrand lauert.

Die Fundstelle im Hal-Gis.

Unserer Pflanze sind schon viele Menschen zum Opfer gefallen. Unabsichtlich, weil sie das Gewächs mit essbarem Wildgemüse verwechselt haben. Aber nicht nur das.

Gerade wieder ist die Diskussion um die Todesstrafe entflammt. Nicht nur in der Türkei, sondern in den USA. Immer wieder werden Menschen mit der „Giftspritze“ hingerichtet:

„Der Verurteilte  ging umher, und als er merkte, daß ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken . Darauf berührte ihn der, der ihm das Gift gegeben hatte, von Zeit zu Zeit, und untersuchte seine Füße und Schenkel. Dann drückte er ihm kräftig den Fuß und fragte, ob er es fühle; er sagte: „Nein.“ Und darauf die Knie, und so ging er immer höher hinauf und zeigte uns, wie er allmählich erkaltete und er­starrte. Darauf berührte er ihn noch einmal und sagte, wenn es ihm bis ans Herz komme, dann werde er tot sein. Nun war ihm schon fast alles um den Unterleib her kalt, da enthüllte er sich noch einmal — denn er lag ver­hüllt — und sagte — das waren seine letzten Worte : ……….“

Unsere Fragen:

  1. Wie heißt die mörderische Pflanze?
  2. Was ist das für ein Gift, und wie wirkt es?
  3. Wie kann man sie sicher erkennen? (zur Vermeidung von Verwechslungen)?
  4. Wer war das zueltzt im Text beschriebene Opfer?

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(Red)

Auflösung der letzten Pflanze der Woche („verträgt sogar Rasenballer“):

Wg. Erich. Breitwegerich, der König der Straße.

Anhand dieser Hauseinfahrt lässt sich erahnen, wie zäh „Erich“, genauer der Breitwegerich, sein kann.

Ganz nah dran war User Redhall. Wir suchten jedoch nicht den Spitzwegerich (Plantago lanceolata), sondern einen seiner großen Brüder, den Breitwegerich (Plantago major).

Wegerich ist laut Kräuterpfarrer Künzle das erste, beste und häufigste aller Heilkräuter. Man findet unseren Freund eigentlich bei jedem Spaziergang über Wiese und mehr oder weniger befestigtem Weg, er folgt uns „auf Schritt und Tritt“ (- dass es davon Ausnahmen gibt, wurde mir beim nächtlichen Verfassen des Rätseltextes verdeutlicht). Der alteingesessene Indianer betitelte Breitwegerich wie  auch die Brennnessel als „Fußspuren des weißen Mannes“.  Mitgebracht von der Zivilisation, dabei entlang der Treckrouten von Ost nach West weitergetragen. Die feinen, klebrigen Samen hefteten sich an Wagenräder, Hufe, Fußsohlen (‚planta‘) und Pfoten und begannen somit zeitgleich ihre Invasion. Bis in 80 cm Tiefe streckt die Pflanze dann ihre Wurzeln aus.

Der Breitwegerich fühlt sich überall dort wohl, wo der Boden verdichtet wurde, wo es eng ist und die Nässe sich staut. Er ist eben eine typische Trittpflanze: Druck von oben stört ihn wenig. Daran sollten wir uns mal ein Beispiel nehmen. Dass er unter diesen Umständen Fuß fassen kann, liegt neben seinem Kieselsäuregehalt auch daran, dass sich seine Erneuerungsknospen direkt über dem Boden befinden. Daraus entwickelt sich die bodenständige, bis suppentellergroße Blattrosette. Selbst eine Herde Braunvieh an der Viehtränke überlebt der Breitwegerich. Seinen Namen als Königskraut trägt er also zu Recht (althochdeutsch wega = Weg, rih = König, Herrscher).

Doch nicht jeder mag ihn: Je Blütenstand werden etwa 2-3 Millionen Pollenkörner produziert, die dank Windausbreitung als wichtige Verursacher von Heuschnupfen gelten. Vielerorts haftet ihm auch der Makel des Unkrauts an, wobei oft vergeblich versucht wird, es loszuwerden: Man muss Breitwegerich schon mit all seinen Wurzeln ausreißen, um ihn erfolgreich zu bekämpfen. Dabei darf man nicht daran denken, dass auch seine Samen durch Wind verbreitet werden. Aus jedem (selbst-)bestäubtemBlütchen wird ein Fruchtkapselchen, jedes davon enthält bis zu 46 Samen. Jetzt muss man nur noch die Blüten pro Blütenstand zählen.

Gurgeln gegen Halsschmerz, Samen in die Nase, Blätter auf den Tisch

Selbst der größte Skeptiker sollte sich die medizinischen Kräfteder Wegerichgewächse zunutze machen. Wenn auch mit etwas weniger Heilkräften als der Spitzwegerich ausgestattet, ist Breitwegerich ein sehr wichtiges, überall verfügbares Heilkraut. Hat man sich als Wanderer die Füße wundgelaufen, kann es helfen, ein Breitwegerichblatt in den Schuh zu legen, um durch ausgeknetete Pflanzensäfte Belebung und Heilung zu erfahren. Jeder sollte auch mal ausprobieren, nach einem Insektenstich ein Blatt zu zerreiben oder zerkauen und den Brei gegen den Juckreiz aufzutragen. Man kann es aber auch gleich essen, wenn man den an Champignons erinnernden, herb-frischen, leicht adstringierenden Geschmack mag. Roh auf dem Brot, oder aber für Salate, Suppen oder Bratlinge rät der Küchenchef, zuvor die harten Blattrippen und Stiele zu entfernen. Jetzt, im Mai, noch vor seiner Blütezeit, ist übrigens die beste Zeit, zarte, junge Breitwegerichblätter zu sammeln. Getrocknet können sie bei vielerlei medizinischen Einsätzen nutzen: Von Fieber, Verdauungsstörungen,Haut- und Atemwegserkrankungen bis hin zum Giftstich (u.a. der Brennnessel) – und noch vieles mehr wird beschrieben. Der König der Wege soll sich um die Schleimhäute und die „inneren Wege“ kümmern, gemeint ist damit Blut und Verdauungsapparat. Vor allem entzündungshemmende Stoffe sinddabei wirksam, in Form von Schleimstoffen, antimikrobiellen Bestandteilen, radikalfangenden Polyphenolen, Gerb- und Bitterstoffen. Manche der Wunderstoffe, z.B. das antibiotische Aucubin, gehen jedoch bei unsachgemäßer Trocknung oder Lagerung verloren. Es ist also hilfreich, sich mit den Wirkungsweisen vertraut zu machen.

Die Blüte des Breitwegerichs ist ein langgestreckter Blütenstand am langen Stiel. Im Unterschied zu seinen Brüdern, dem Spitzwegerich und dem Mittleren Wegerich, streckt der Breitwegerich seine Staubfäden jedoch nicht zu einem hübschen weißen bis rosafarbenen Kranz aus dem ährigen Blütenstand heraus, seine Blüte ist also etwas unscheinbar. Junge Blütenstände kann man ähnlich wie Spargel als leckeres Gemüse zubereiten. Ab August kann man die kleinen, massenhaft auftretenden Samen sammeln und als Knabberei verwenden oder als spätere Müslizutat trocknen. Ein Tee aus Samen hilft über Nacht gegen Verstopfung. Zu diesem Zweck könnte man auch die gebräuchlichen Flohsamen eines verwandten Wegerichs kaufen. Bei Nasenbluten soll man die Samen schnupfen.

Ein langer Weg: Wegerichmythen

beginnen wahrscheinlich schon in der Jungsteinzeit. Aus Zeiten der altneolithischen Linienbandkeramiker ist die Verwendung und Verbreitung unserer Wochenpflanze pollenanalytisch sicher belegt. Daraus entsponnen sich Mythen über sakrale Kultpfade und dem darauf wachsenden Unkraut Breitwegerich, das mit der Göttin der Unterwelt (Frau Holle?) in Bezug gesetzt wird. Die mythisch-griechische Göttin des Totenreichs und der Fruchtbarkeit, Persephone, sowie ihr Äquivalent Prosperina bei den Römern, waren schließlich sogar Namenspaten für den bis ins Mittelalter gebräuchlichen Wegerich-Namen Herbaproserpinacia. Germanische Frauen hielten während der Geburt eine Wegerichwurzel in der linken Hand, um dadurch vor Kindbettkomplikationen geschützt zu werden. Das Arzneiwissen um den Breitwegerich wurde bei uns direkt von den Heilern der Germanen, den Lachner,überliefert. Im Mittelalter nähte man getrocknete Wegerichwurzeln in kleine Beutel und trug sie als Amulettum den Hals. Es sollte den Träger vor der Ansteckung mit der Pest bewahren. Im 17. Jahrhundert wollte man mit Breitwegerich Liebe erzwingen, Samenpulver, Weihwasser, ein Gänsekiel und Bienenwaben wurden für dieses Amulett benötigt. Auch heutzutage presst man ihn in Kügelchen und spinnt Mythen um ihn. Wer kennt zum Beispiel das Blattorakel des Breitwegerichs?

Bei uns jedenfalls ist „Erich“ wieder da und wir sind froh darüber.

(A.S.)

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