Reiß dich zusammen !

20. Februar 2017 | Bild der Woche | 9 Kommentare

Auflösung der letzten Wochenpflanze:

Capsicum pubescens, der Gringo-Killer

Bei der gesuchten Pflanze handelt es sich um die Gemüse- und Gewürzpflanze Capsicum pubescens. Die Pflanze gehört, wie ihre bekannteren Vertreter Capsicum sinense, frutescens, baccatum und annuum zur Gattung Capsicum („Chilis“). Und die gehört wieder in die großen Familie der Solanaceen (Nachtschattengewächse). Unter anderem also verwandt mit Kartoffeln und Tomaten, aber auch mit Tollkirschen und Bilsenkraut. Capsicum annuum ist relativ bekannt: nicht nur einge scharfe Chili- oder Pepperonisorten stammen davon ab, sondern auch die milden, großen Gemüsepaprika. Unseren C. Pubescens kennt man dagegen in Europa kaum.

In ihrem Heimatland Bolivien und Peru: wird sie jedoch heiß verehrt: dort werden mehrere verschiedene Sorten gezüchtet. Man nimmt sie als scharfe, würzende Zutat für Slsas ebenso wie als als Gemüse, etwa für Rocoto rellenos.

Nahezu allen Sorten ist eine ordentliche Schärfe gemein. Es gibt extrem scharfe Sorten und weniger scharfe, wie beispielsweise die Rocoto Manzano, den Apfelchili. Sehr scharf (etwa auf der 10er-Scala bis 8-9 reichend) sind die leicht birnenförmigen Rocoto Peron.

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Reifender Rocoto Manzano am Strauch. Deutlich kann man auch die behaarten Blätter erkennen.

Wie ihre prominenteren verwandten Capsicum-Arten verdanken auch die Rocoto ihre Schärfe einer Gruppe von Alkaloiden, den Capsaicinoiden. In den unterschiedlichen Chili-Arten und Sorten macht die Gesamtmenge dieser Substanzklasse die Schärfe aus. Man misst sie in Scoville-Einheiten, die wiederum ein Maß für den Gesamtgehalt dieser Scharfstoffe darstellt. Reinem Capsaicin wird dabei der Wert 16 Millionen zugeteilt, die Zuchtrekorde der „schärfsten Chili der Welt“ liegen bei etwa 1,5 -2 Millionen Scu. Zum Vergleich: Gewöhnliche Peperoni liegen bei nur 100 – 500 Scu, Tabascosoße kommt immerhin schon auf 5000, die superscharfen „Habaneros“ (eine Zuchtform von Capsicum sinense) auf Werte zwischen 100.000-350.000 Scu. Für solche scharfen Früchtchen bräuchte man eigentlich einen kleinen Waffenschein: Gewöhnlicher „Pfefferspray“ liegt mit 200.000 bis 300.000 Scu schon in dieser Größenordnung. Die gesamte Kulturgeschichte der Chili wollen wir hier noch gar nicht abhandeln, das sei einer anderen Gelegenheit vorbehalten. Bleiben dieses Mal bei unserem Rocoto. Er ist in vieler Hinsicht etwas Besonderes. Die Früchte sind ziemlich dickfleischig, im Inneren haben sie braunschwarze, nicht abgeplattete Samen. Das unterscheidet den Rocoto von seinen Vettern aus der übrigen Capsicum-Reihe. Aus den Samen wächst eine Pflanze heran, die zunächst entfernt aussieht wie andere Paprikaarten auch: aber ihre Blätter sind leicht behaart. Daher das Artepitheton „pubescens“. Wenn die Pflanze dann zum ersten mal blüht, fällt der nächste Unterschied auf: die fünfstrahligen Blüten sind violett, nicht weiß, wie die der anderen Arten. Die Pflanzen sind relativ langlebig: sie können bei guter Pflege gut 10-20 Jahre alt werden, bilden verholzende Stämme und können Größen von gut an die 2 Meter Höhe erreichen. Man nennt sie deshalb auch „Baumchilis“, obwohl sie eher strauchartig wachsen..

Rocoto Peron Chili

Rocoto Peron

Gegen Kälte sind sie weit weniger empfindlich als ihre empfindlichen scharfen Geschwister, allerdings nicht, wie man gelegentlich lesen kann, frosthart. Unter 5 grad C machen auch sie schlapp. Im Pflanzenhandel werden sie selten angeboten, also muss man den umständlci8hen Weg der eigene Aufzucht beschreiten. Da die Pflanzen anfangs recht langsam wachsen, beginnt man schon Ende Januar/-Mitte Februar. Saatgut gibt es im Internet. Für ausreichend Wärme muss gesorgt werden, die Bodentemperatur soll zwischen 25 und 30 Grad liegen. Kaum schauen die ersten Keimlinge aus dem Substrat, heißt es: „spot on!“

keimlinge capsicum pubescens

Keimende Rocotos

Ohne künstliche Beleuchtung funktioniert es nicht. Als ökonomisch günstig haben sich LED-Beleuchtungen erwiesen, und zwar solche in einem merkwürdig magentafarbenen Ton. Sie enthalten zwei LED-Sorten, und zwar blaue und rote. Warum kein Weiß, oder warum kein Grün? Das Photosystem der meisten Pflanzen absorbiert kein grünes Licht. Es wäre also Energieverschwendung. Woher man das weiß? Ganz einfach: würden Pflanzen grünes Licht absorbieren, wären sie nicht grün.

Der erfolgreiche Gärtner pflanzt dann seine im Haus aufgepäppelten Pflänzchen im Frühsommer in große Töpfe oder Kübel. Ab Mitte Mai dürfen sie raus, wo sie sich in nicht allzu praller Sonne gut entwickeln. Im Herbst müssen sie wieder ins Haus, an einen hellen, nicht zu warmen Ort. Und mit etwas Geschick kann man schon im Herbst des ersten Jahres recht gute Ernten einfahren. Aber Vorsicht: Wie scharf sind die „Baumchilis“ nun eigentlich? Angegeben werden sie mit ca. 30.000 bis 100.000 Scu, was schon ziemlich heftig ist. Dazu sind sie auch noch besonders tückisch: denn sie haben ein etwa anderes Spektrum an scharfmachenden Capsacinoiden als die gewöhnlichen Chilis. Sie enthalten überproportional hohe Anteile an Dihydrocapsaicin und Nordihydrocapsaicin. Schärfegewöhnte „Chilihelden“ sollten aufpassen: während sie meistens an Capsaicin gewöhnt sind, schlagen hier nun die den Nervenenden weniger bekannten Derivate übermächtig zu. In Bolivien nennt man die scharfen Früchtchen deshalb auch „Gringo-Killer“. Die kleinen Tomaten nicht unähnlichen rotfleischigen Früchte in einem Tomaten-Mozarella-Salat zu drapieren, kann daher zu einem großartigen Partyspaß geraten.

Manzano

Der Latino neigt gerne zu üÜbertreibungen: So gröoß wie ein Apfel (links) wird ein Rocoto Manzano natürlich nicht.

Und was sonst damit machen? Zu scharfen Soßen sind sie klasse, aber man kann ja auch einmal die peruanischen „Rocoto rellenos“ ausprobieren. http://peru.com/estilo-de-vida/gastronomia/rocoto-relleno-prepararlo-y-deleitate-su-sabor-noticia-404179

Sie werden mit einer Masse aus Hackfleisch und und Ei gefüllt und anschließend mit Käse überbacken. Sieht verführerisch gut aus, aber eben nix für Gringos. (Red)

Reiß dich zusammen!

„Du bringst sie schon noch zum Blühen, glaube mir! Reiß dich mal am Riemen, hör auf, sie andauernd zu gießen, lass sie doch in Ruhe!“ Wie mir diese Worte meiner Großmutter in den Ohren hallen… Aber da ich weder die besten Ohren, noch einen oder zwei grüne Daumen habe, ist es eben nie etwas geworden mit der Blüte der altehrwürdigen Pflanze. Bisher! Nun hat mich aber dieses Kügelchen überrascht – was soll das denn sein?

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Nach der Pflanze, die diesse rote Kugel hervorgebracht hat, wird gesucht.

Ob das hier bereits reif ist, könnte mir vielleicht ein populärer Interpret, der sich „mit so etwas“ auszukennen scheint, verraten.

Wikipedia hat mir weitergeholfen, und nun weiß ich auch mehr über mein altes Erbstück, ich will es euch nicht vorenthalten: Ich habe hier eine gefährdete Pflanze. (Nicht durch mich, auch wenn das eingangs so klang.) Vielleicht ist sie das, weil sich nicht mehr als „modern“ angesehen wird? Sie hat etwas mit Pariser Rot zu tun, auch mit Miniaturen und der Seemannssprache ist sie assoziiert. Und Natürlich auch mit diesem Bild:

Wer ist diese Schönheit?

Sind diese Informationen zu kryptisch? Dann geht es weiter: Es ist wieder einmal ein Alkaloid enthalten, bei dem der Begriff „hochwirksam“ auch angebracht ist. Die Pflanzenfamilie, der unsere Wochenpflanze entspringt, ist besonders zur Weihnachtszeit sehr beliebt. Zumindest ihr prominentester Vertreter. Die Gegend, aus der die Gesuchte ursprünglich stammt, ist musikalisch weltberühmt geworden durch die Mischung traditioneller Musik mit Popelementen. Der populäre (Mit-)Interpret könnte sich auch mit dem oben dargestellten Kügelchen kundig auseinandersetzen, betrachtet man seine Biografie bzw. ersten Welterfolge. Erfolge feierte unsere Pflanze auch als Operette, weniger als Filmdarsteller.

1) Wir möchten die Gattung und das artspezifische Epitheton wissen 
2) Was ist das Kügelchen und wie alt wird es?
3) Wer ist der Musiker, und welches von ihm produzierte, Grammy-belohnte Album ist gemeint?

Unsere Wochenpflanze, als Operette oder komische Oper auch heute noch auf nationalen Bühnen gefeiert. (A.S.)

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