Elfengeflüster und ein magisches Männlein

18. April 2017 | Bild der Woche | 2 Kommentare

Zunächst bittet die Redaktion „Pflanze der Woche“ um Entschuldigung. Es war Ostern, wir waren mit der Feier der Auferstehung des Herrn so beschäftigt, dass die Pflane nun bis Montagabend warten musste. Und das wird sie auch forthin, ab jetzt kommt die PDW immer Montagabends.

Zur Auflösung der letzten Pflanze: es ist klar, dass unser Bäuerlein Georg Agricola darauf kommen mußte. Er sagt, die Füllung der Dominosteine hätten ihn der Lösung nähergeführt. Wahrscheinlich isst man im Hause derer Agricolae noch die klebrig-süßen Reste des Weihnachtszeugs zu Ostern, jedenfalls ist die Masse so genanntes Persipan. Und das stellt man aus den Kernen der letztgenannten Pflanze her. Gesucht war also Prunus persica, der Pfirsich.  es ist eine Pflanzenart aus der Gattung Prunus, die wiederum in die Familie der Rosengewächse gehört (Rosaceae). Die Kerne enthalten, wie die Kerne übrigens der ganz eng verwandten Mandel, rsp. der Bittermandel, das Glycosid Amygdalin. Es spaltet bei der enzymatischen Spaltung Blausäure ab. Da diese bekanntlich hochgiftig ist, muß das Glykosid zur Herstellung von Perispan vorher aus den Kernen herausgelöst werden, bevor sie mit Zucker zum Marzipanersatz verarbeitet werden dürfen.

Blühender Pfirsichzweig

Warum ist Persipan eigentlich billiger als Marzipan? Weil es ein Abfallprodukt ist (oder Apfelprodukt, wenn das Wortspiel gestattet sei: Mala persica nannten die Römer einst die  Frucht: Persischer Apfel, aus dem Wort entstand dann unser Wort Pfirsich).  Abfallprodukt sind die Kerne deshalb, weil sie übrig bleiben, wenn Konservenfabriken die Fruchthälften in Dosen füllen bringen oder den Saft in Tetrapaks auf den Markt bringen. Die Fotos der blühenden Zweige stammen von einer sehr alten Sorte dieses Baums, dem Weinbergpfirsich.

Der Baum wird nicht, wie sonst alle anderen Edelpfirsiche, durch Pfropfung vermehrt – sondern aus den Samen. In klimatisch günstigen Zonen (zu denen Halle übrigens gehört) trägt er verhältnismäßig kleine, wohlschmeckende Früchte, und wenn einmal Früchte vom Baum fallen, Mäuse ihrer habhaft werden, und in den Bau schleppen (oder tun das Eichhörnchen?), dann keimen die Kerne nach dem Winter, und flugs ist ein neuer Baum da, der schon nach 4-5 Jahren trägt. Traumhaft sind aber nicht nur die Früchte, sondern auch die Blüten. Prunus persica heißt unser Baum wissenschaftlich, gehört natürlich zu den Rosengewächsen, stammt, wie im Eingangstext schon zu esen war, aus China, von wo Handelskontakte ihn über Persien und Griechenland ins Imperium Romanum trugen, und von dort aus auch in die Klostergärten.

Kräuselkrankheit beim Pfirsich

Dann war noch nach der Krankheit gefragt, die unsere Pflanze befallen kann. Es ist die „Kräuselkrankheit“, die von einem Pilz (Taphrina deformans) hervorgerufen wird, der bereits im Februar junge Knospen befällt, und dann die Blätter im Sommer zum Kräuseln bringt. Das führt zu Ertragseinbußen.

Ach ja, nochmal zum  Amygdalin, dem Giftstoff, der sowohl in den Kernen des Pfirsichs, der Bittermandel, Aprikosen (Marillen) und auch anderen Kernobstkernen enthalten ist. Es spaltet nicht nur Blausäure ab, aber auch einen weiteren Aromastoff, Benzaldehyd. Beide Stoffe sollen nach Bittermandel riechen, sagt man. Das ist merkwürdig, weil sie chemisch vollkommen anders gebaut sind. Es ist nur die gemeinsame Herkunft der grundverschiedenen Substanzen, auf die unser Riechzentrum gepolt ist. „Sagt man“ dass Blausäure nach Bittermandel riecht. Warum? Etwa 10% der Bevölkerung kann Blausäure nicht riechen. So geht es auch dem Autor dieser Zeilen. Eigentlich ein lebensgefährlicher Gendefekt.  Benzaldehyd dagegen aber wird von fast jedem Menschen wahrgenommen. Es wird synthetisch hergestellt, und findet sich als Billigaroma in vielen Haushaltsreinigern, Klosteinen und Marzipanimitaten. So ist es auch  dominierender Aromastoff in der Billiglimo „Dr. Peppers“.

Das Pflanzenreich ist eigentlich eine ziemlich üble Chemiefabrik. Eigentlich müsste man das alles verbieten. So zum Beispiel auch unsere kommende Wochenpflanze:

Der mit den Elfen flüstert

Unsere Pflanze der Woche. Wie bringt sie Elfen zum Flüstern?

Schweren Schrittes stapft Gregorius, das Bäuerlein, über sein Hopfenfeld. „Zuviel gegessen“ grummelt er missmutig vor sich hin. Die Bäuerin sagt ihm immer, er soll sich mäßigen – aber was kann er denn dafür, dass er für sein Gewicht etwas zu klein geraten ist? Immer weiter wandern seine Mundwinkel nach unten. Der Schweiß läuft ihm über sein Gesicht – das sich noch deutlich verdüstert, als er den Blick nach unten wendet: „Ver… Unkraut!“ Er ahnt, was ihm blüht. Diese Monsterpflanze, die sich wie mit Felsankern im Untergrund festhält. Sie muss raus, schließlich ist sie ein Wurzelkonkurrent für seinen wertvollen Hopfen. Zurück zum Haus, die Hacke geholt – und los geht die Schinderei. Dabei kreisen Gregorius Gedanken um das, was er so alles über diese Pflanze gelesen und im Fernsehen gesehen hat. Eigentlich ist sie ja gar kein Unkraut…

Eine grün-violette Blume des Grauens

Er erinnert sich an Aussagen wie „legendäre Pflanze“. Man solle sich ihr nur mit Schutzkleidung nähern, denn ihr wird etwas Gefährliches angedichtet. Heutzutage kennt diesen Mythos wohl schon jeder Zehnjährige. Jedoch nicht aus dem Horrorfilm, der ihren Namen trägt – zumal dieser erst ab 16 Jahren freigegeben ist. Brrr, Gregorius überfällt trotz der Hitze ein Schaudern. Zu viel „Fantasy“ … Wie gefährlich diese Pflanze wirklich sein kann, ist im übertragenen Sinn in der Bibel nachzulesen: Frauen tauschten, um dieses Gewächs zu bekommen, ihre Männer ein. Erneut erschaudert Gregorius und fragt sich: Leitet sich das Legendäre aus ihrer Wirkung oder aus ihrem Aussehen ab? Hier könnte man Lukas Podolski zitieren, um unser Bäuerlein aufzuheitern: „Es überwiegt eigentlich beides“.

Ihre mystisch-mythische Wirkungen hielten seit vorchristlicher Zeit bis zum heutigen Tag Einzug in unser Schriftgut: Magie, Medizin, Mord (…ihr lateinischer Name würde in diese Reihe passen). Ähnlich ist es mit ihrem ungewöhnlichen Anblick. Anders als die meisten Vertreter ihrer Familie liegt unsere Wochenpflanze danieder, wenn auch in gefälliger, symmetrischer Form. Hm, das klingt jetzt weder legendär, noch ungewöhnlich. Ihr Äußeres muss also noch etwas anderes bieten. Gregorius hackt auf den staubigen Boden ein und sinniert weiter: Paracelsus, der in seinen Wanderjahren zahlreiche Beispiele der Signaturenlehre erfasst hat und in seinen Werken wiedergab, ist unsere Pflanze sicher begegnet. Auch wenn diese ein Beispiel ist, bei dem die aus dem Aussehen abgeleitete Wirkung wissenschaftlich nicht zu belegen ist. Gleichfalls wird der Tipp der berühmten Hildegard von Bingen, bei Liebestollheit diese Pflanze mitzuschleppen und nach drei Tagen von ihr zu essen, nicht von Erfolg gekrönt werden. Genau, und Achtung: Die mythische Kraft der Pflanze könnte das ganze Unterfangen sehr gefährlich machen. Gregorius versucht, auf erfreulichere Gedanken zu kommen. Könnte nicht einfach eine zauberhafte Elfe erscheinen und ihm drei Wünsche erfüllen? …

1. Wie heißt unsere Zauberpflanze?
2. Was würde passieren, wenn Gregorius seinem Bier neben Hopfen auch unsere Pflanze zusetzen würde? Rezepte für so ein „Bier jenseits von Hopfen und Malz“ gibt es.
3. Welche „bestsellenden“ Fantasy-Romane kommen unserem Bäuerlein in den Sinn?

 

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  1. Profilbild von Gondwana
  2. Profilbild von Agricola

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