Börsencrash in Amsterdam

24. April 2017 | Bild der Woche | 3 Kommentare

Auflösung der letzten Wochenpflanze

Die Zauberpflanze Alraune

Mandragora officinarum, die Alraune. Ein großes, blühendes Exemplar auf Zypern, März 2017

Die Alraune (Mandragora officinarum), deren deutscher Name sich vom althochdeutschen „Alb-Raunen“ herleitet, dem heimlichen Flüstern der Elfen, ist eine in allen Teilen sehr giftige Pflanze, vergleichbar mit ihrer Solanaceen-Verwandten Tollkirsche. Während letztere bei uns auch in der freien Natur zu finden ist, wird die Alraune hier nur von „Freaks“ angebaut, deren Interessen wir gar nicht ergründen wollen. Im Mittelmeerraum trifft man sie wild wachsend an. Aus einer dunkelgrünen, grundständigen Blattrosette, die beinahe einen Quadratmeter Boden bedecken kann, entspringen einerseits mittig kurzstielige Blüten, je nach Varietät rosa-purpur oder weiß-gelblich. Daraus bilden sich später Kugelfrüchte, die an eine weitere Verwandte erinnern, die Tomate. Bekannter ist der unterirdische Auswuchs: Die kräftige, fleischige, oft mehrfach gespaltene Wurzel, die mehrere Dezimeter tief, angeblich sogar 1 Meter tief ragen kann.

Mancher von uns kennt diese Pflanze vielleicht erst, seit er Harry Potter gelesen oder in der wunderbaren Version von Rufus Beck gehört hat? Professor Sprout führt die Schüler von Hogwarts in die schwierige Zucht der sog. Mandrake ein. Die Wurzel soll später einem Trank gegen bösen Zauber beigemischt werden. Leider verhalten sich die Wurzeln anfangs wie Babys. Ihr ohrenbetäubendes Schreien soll in der Zauberwelt sogar zum Tod führen können, daher ist diese Unterrichtseinheit kein leichtes Unterfangen. Hier orientierte sich Joanne K. Rowling an alten Mythen: Der Alraune wurde auch in unserer Muggel-Welt nachgesagt, dass das Herausziehen ihrer Wurzel zum Tode führe.
Nicht nur in Fantasy-Romanen, auch kulturgeschichtlich ist die Alraune von Bedeutung. Es gibt einen umfangreichen Wikipedia-Eintrag dazu. Mindestens seit der Antike liefert sie Druiden, Hexen und Zauberern begehrte Rohstoffe.

Alraune Dioskurides (Dioskur): Mandragora in De Materia Medica (c)  Wikimedia Commons

 

Da die geteilte Alraunenwurzel an eine Menschengestalt in Miniatur zu erinnern scheint, wurde nach der medizinischen (oder damals noch alchemistischen) Nutzbarkeit der Pflanze gesucht. Ein Einsatz als Aphrodisiakum oder zur Fruchtbarkeitssteigerung war naheliegend. Die Wirkung einer Pflanze wurde also von ihrem Erscheinungsbild abgeleitet. Paracelsus war der berühmteste Vertreter dieser Signaturenlehre, die heutzutage in der Homöopathie fortzuleben scheint. Die griechische Göttin Aphrodite erhielt ihren Beinamen Mandragoritis von den Früchten der Alraune, die als (hochgiftige!) Liebesäpfel galten. Der arabische Kulturkreis erwählte dagegen die Bezeichnung Teufelsapfel oder Satansfrucht für die Beeren der Alraune. Schon früh sponnen sich Mythen um diese seit vorchristlichen Zeiten bewährte Heilpflanze, beispielsweise die unheimliche Kraft der Pflanze, denjenigen zu töten, der die Wurzel aus der Erde zieht. Dagegen mussten Vorkehrungen getroffen werden: Im 3. Jahrhundert musste man mit einem Schwert dreimal einen Kreis um die Pflanze ziehen und sie dann – mit Blick gegen Westen – abschlagen. Später war es wichtig, windabgewandt aktiv zu werden. Je teurer die Pflanze auf dem Weg zum Mittelalter gehandelt wurde, umso fantasievollere und abschreckendere Legenden wurden ersonnen. In Fausts schwarzem Hund und Harry Potters tödlichem Mandrakenschrei werden diese aufgegriffen. (Da würde mich jetzt interessieren, ob der Fotograf unseres Lösungsfotos mutig genug war, das zu testen.) Die Nutzung der Alraune erstreckte sich vom Heilmittel und Hexenkraut über Orakelpflanze und Glücksbringer bis hin zum Rauschmittel. Während der eine sein Glück in der Gesundheit sah, suchte der andere es im anderen Geschlecht, im Abwehr böser Zauber (- vielleicht wieder in Form des anderen Geschlechts?) oder in der wundersamen Geldvermehrung.

Die erste Barbiepuppe

Ist in diesem Allround-Wundermittel also ein Anklang des Steins der Weisen zu erkennen? Um keine andere Pflanze sollen sich so viele Legenden ranken. Die Alraunenwurzel wurde, evt. noch mit Schnitzmesser verfeinert, als Talismann in wertvolle Stoffe gekleidet. Dann bettete man sie in kleine, mit Samt und Seide ausgeschlagene Kästchen und gönnte ihnen ein wöchentliches Bad in Wein. Dieses Wurzelamulett wurde sogar weitervererbt. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden derartige Glücksalraunen gehandelt, oftmals imitiert aus anderem Wurzelmaterial.
Viele wunderliche Geschichten gäbe es noch. Die Bibelquelle hat bereits User Agricola vortrefflich genannt, auch wenn er nicht auf das Alraunenbier eingegangen ist. Wahrscheinlich, weil ihm bekannt ist, dass findige Leute so gut wie alles schon einmal ins Bier gemischt haben. Zumindest alles, was – wie unsere Alraune – eine wie auch immer geartete Wirkung auf das Bewusstsein verspricht.

Und jetzt bittet die Redaktion darum, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn auch die nächste Wochenpflanze hat bereits so manchem das Bewußtsein vernbebelt, beispielsweise damals in Amsterdam…

Börsencrash wegen einer Pflanze ?

Die Pflanze der Woche 24.04-30.04 2017

Nächtliche Aufnahme eines Vorgartenstücks, irgendwann Anfang März in Halle. Oben am Bildrand sieht man einen Böller mit Zündschnur, ein Blindgänger noch vom vergangenen Silvester. Es liegen außerdem einige Ahornsamen mit halb verwesten Flügelchen herum, alte Pflanzenstängel, und undefinierbarer Dreck. In der Mitte dieses unappetitlichen Chaos drängt sich majestätisch unsere gesuchte Pflanze der Woche aus der Erde empor.

Über unsere nächste Wochenpflanze erzählt man sich so allerhand. Aberwitzige Geschichten vor allen Dingen, bei denen es um viel Geld ging. Da war zum Beispiel die Sache mit dem Schiffskoch, der eines der teuersten Mahlzeiten – versehentlich -eingenommen haben soll. Die Angelegenheit soll sich 1637 zugetragen haben, als der Smutje bei seinem reichen Herrn zum Essen eingeladen war. Es sollte Fisch geben, und auf dem Tisch lag etwas, das halt wie Gemüse aussah, aber nur als (protzige) Tafeldekoration gedacht war. Unser schlichter Zeitgenosse kannte sich offenbar nicht so recht aus mit den merkwürdigen Gepflogenheiten der high society – und verspeiste die teure Tafeldeko – umgerechnet im Wert von 25.000 Euro.

Aber ohnehin spielte die Welt um diese Pflanze gerade verrückt. An der Börse wurde mit ihr spekuliert, sie galt als selten, und dumm ist nur, wenn mit Pflanzen spekuliert wird, die prinzipiell gut vermehrbar sind. Ein einzelnes Exemplar soll sogar in Spitzenzeiten für den Wert eines Grachtenhauses in bester Amsterdamer Lage gehandelt worden sein. Klar, dass diese Blase platzen mußte…
So- wer von Euch kann nun auch nicht mehr an sich halten, und platzt mit der Antwort auf unsere Fragen heraus:

Wie heißt unsere Pflanze?

In welchem Kirchenlied kommt sie vor, und wie heißt ihr Verfasser?

 

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